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10.12.2017 - Trinken und Feiern für den guten Zweck. Die neue Offenbarung: dank Charity erhält jeder Punsch und jedes Weihnachtsfest einen moralischen Touch. Licht ins Dunkel und Caritas ziehen als Spenden-Lokomotiven durchs Land – und keiner will den Anschluss verpassen!

 

Kürzlich hat mich eine Freundin eingeladen an einer Kochaktion für Obdachlose in der Gruft teilzunehmen. Unter ihren Arbeitskollegen ist die Idee sehr gut angekommen: „wir haben vor, einmal im Monat dort vor Ort den Kochlöffel zu rühren und das mit Liebe gekochte Essen an die Obdachlosen zu verteilen.“ Wer die Euphorie dieser Menschen bremst, stellt sich selbst in ein Eck, wo er allein als Misanthrop übrig bleibt. Doch ich konnte mir eine Frage nicht verkneifen: wäre es nicht besser Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und den Obdachlosen Küchen einzurichten, in denen sie selbst für sich kochen, Essen verteilen und abwaschen können?

 

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Zu Jahresbeginn bat mich eine andere Freundin, im Hauptberuf Topjuristin im Staatsdienst, im Nebenberuf Malerin, die Galerie für eine Charity-Auktion zur Verfügung zu stellen. Wer würde das ablehnen, wenn es um Kinderkrebshilfe geht? Jeder würde es ablehnen, der einmal hinter die Kulissen geschaut hat! Dem Tatsachenbericht muss eine Warnung voraus gehen: VORSICHT SATIRE!

 

Eine pragmatisierte Beamtin setzt zunächst einmal voraus, dass eine Galerie in teuerster Innenstadtlage kostenlos ist. Der Preis von 1.000 Euro ist ihr zu hoch, sie schnorrt sich das Geld bei fünf Künstlern zusammen. Weitere 20 Künstler stellen unentgeltlich ihre Kunstwerke für die Auktion zur Verfügung. Die vielbeschäftigte Topjuristin nimmt irrtümlich ein Bild in die Auktion auf, das dafür gar nicht vorgesehen war. Vor dem Event geraten sich die Künstler um den besten Platz in der Ausstellung in die Haare. Zur Auktion kommen zahlreiche Gäste: alle 25 Künstler aber nur fünf potenzielle Käufer. Die Freunde aus dem Lions Club haben an dem Abend offenbar etwas Besseres zu tun. Zumindest ersteigert der Göttergatte der Veranstalterin, ebenfalls Topjurist im Staatsdienst, einige der Werke.

 

Ausgerechnet das nicht frei gegebene Werk wird regulär zugeschlagen. Galerist und Künstlerin bleiben auf dem Schaden sitzen. Wobei der Schaden nicht nur im entgangenen Erlös liegt, sondern noch mehr im Dumpingpreis der Auktion – ein Drittel des Galeriepreises. Wohltätigkeitsauktionen dieser Art beweisen: die Schwächsten bleiben im Charity-Business auf der Strecke! In der Hoffnung auf ein bisserl Publicity geben hunderte Künstler alles was sie haben. Und das ist in der Regel nichts anderes als ihre Kunst. Während die Gutmenschen für Kinder, Alte, Kranke, Flüchtlinge, Obdachlose und räudige Hunde Geld sammeln, bleibt die Galerie Anlaufstelle der Schlechtmenschen, also Künstler, denen es schlecht geht. Und der Galerist steht in jedem Einzelfall vor der Frage, wie er am besten helfen soll: mit einem Gnadenschuss oder durch Einschläfern. ENDE DER SATIRE!

 

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Neben Charity-Lokomotiven wie Caritas, Rotes Kreuz, WWF, Licht ins Dunkel, die überregional unterwegs sind, veranstalten hunderte Vereine zwischen Neusiedler- und Bodensee zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen ihre Wohltätigkeitsauktionen mit Spenden von Künstlern. Vorsichtig geschätzt werden so 2.500 bis 5.000 Kunstwerke jährlich versteigert – am Kunstmarkt vorbei! Eine Galerie, die ein Kunstwerk wöchentlich, also 50 Werke pro Jahr verkauft, darf sich rühmen zu den besten des Landes zu zählen. Die Wohltätigkeitsauktionen entziehen somit mindestens 50 vielleicht sogar 100 Galerien und ihren Künstlern die Lebensgrundlage und leisten damit ihren Beitrag für neue Obdachlose.

 

Üblicher Weise verkünden die Veranstalter solcher Aktionen und Auktionen: der Reinerlös kommt dem guten Zwecke zugute! Aus der Ecke des Misanthropen frage ich: und was passiert mit den unreinen Erlösen dieser Auktionen und Aktionen? Sicher ist: je größer ein Charity-Projekt, umso weniger kommt bei den Zielgruppen an. Ich kenne Projekte, die 200.000 Euro Kosten verursachen und am Ende einen „Reinerlös“ von 2.000 Euro erwirtschaften.

 

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Laut Armutskonferenz lebt jeder achte Österreicher an der Armutsgrenze und nach meiner Einschätzung jeder zweite Künstler. Dieser untragbare Zustand schreit nach Strukturmaßnahmen, nicht nach Licht ins Dunkel! Internationale Wirtschaftswissenschafter und sogar die IWF-Chefin Christine Lagarde haben dies mittlerweile erkannt, denn exzessive Ungleichheit „hemmt das Wachstum, zerstört Vertrauen und befeuert politische Spannungen“. (Zitiert nach: „Im Teufelskreis“, Wiener Zeitung 9./10.12.2017).

 

Es ist an der Zeit, systemisch und systematisch über Umverteilung nachzudenken. 100 Jahre nach der Oktoberrevolution kann sich kein moralisch und politisch engagierter Mensch wünschen, dass Revolutionäre auf den Spuren Lenins eine derartige Umverteilung in die Hand nehmen. Um die Frage der Umverteilung nicht nur akademisch und in politischen Sonntagsreden zu thematisieren, muss der Begriff endlich entstaubt werden.

 

Jede Form der Wirtschaft ist eine Form der Umverteilung. In den 70 Jahren der Sowjetunion haben wir gesehen, dass der Kommunismus aufgrund seiner restriktiven Fünfjahrespläne in einer äußerst ineffiziente Form der Umverteilung stagniert ist. Die Umverteilung hat in die Sackgasse geführt. Fast 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs müssen wir erkennen, dass die Umverteilung im grenzenlosen Kapitalismus in eine Einbahnstraße geführt hat: einzig und allein von unten nach oben! Niemand Geringerer als Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat dies in seinen Büchern scharf kritisiert. Ob Sackgasse oder Einbahnstraße – jedes System, das festgefahren ist, muss sich von innen öffnen oder wird von außen aufgebrochen.

 

Soll ein gewaltsamer Bruch mit dem bestehende System verhindert werden, muss die Umverteilungs-Diskussion von einer Wertediskussion ausgehen. Die bisherigen Bewertungen bestimmter Leistungen, ebenso wie die unbegrenzten Möglichkeiten der Plutokraten (die Privilegien für das eine Prozent, die Stiglitz kritisch unter die Lupe nimmt), dürfen nicht weiter bestehen, wenn sich die Einkommensschere wieder schließen soll. Wer das als Aufruf zu einer Revolution versteht, der versteht mich richtig. Aber es ist kein Aufruf zum Leninismus, sondern im Gegenteil: der Aufruf zu einer moralischen Revolution mit gesellschaftspolitischen Konsequenzen.

 

Bilder von Diana Jacobs, Kücken, Hai, Adler, Öl auf Leinwand, erhältlich exklusiv im Kunstraum der Ringstrassen Galerien, Weihnachtsausstellung 2017

 

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