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22.12.14 Sehr geehrter Herr Thurnhofer,

Gratulation! Ihre „Kunstmarktformel“ bietet nicht nur eine Fülle an Informationen und Sichtweisen (die ich zu einem guten Teil teile), sondern ist auch sehr gut geschrieben.

Das beweist schon allein der Umstand, dass ich das Buch – trotz großer Arbeitsbelastung wegen des Annahmeschlusses für unsere 1. Auktion – so schnell ausgelesen habe.

Ihre Pyramide hat mir sehr gut gefallen, sie symbolisiert sehr gut die Schieflage des Kunstmarkts – oder besser: der Kunstmärkte. Ich bin in vielen Fragen Ihrer Meinung, auch wenn ich manches aus dem Blickwinkel des Auktionators und nicht des Galeristen sehe. Aber die strenge Unterscheidung zwischen Preis und Wert ist beispielsweise etwas, bei dem ich ganz bei Ihnen bin. Nicht hingegen teile ich Ihre Zurückweisung des „Glaubens“ an die Kunst – ich fürchte, wir haben nichts anderes.

Ihre Bewertungsformel habe ich mit besonders großem Interesse gelesen, weil ich mich mit dieser Frage selbst schon intensiv auseinandergesetzt habe.

Meine „Formel“, also die Summe der Eigenschaften, die ein Kunstwerk aufweisen muss, lautet:

  1. Schönheit.Ästhetik ist die Grundbedingung der Kunst: Fehlt einem Werk der ästhetische Gehalt, so kann man es, von der Definition her, nicht als künstlerisch bezeichnen.“ (Robert Motherwell) Das Anliegen der Kunst ist es, Natürliches an Gestaltung zu übertreffen. Eine Kunst, die nicht ästhetisiert, ist ephemer. Kunst übersteht Trends und Moden, bleibt ästhetisch und ideell wertbeständig. Andererseits: Was „schön“ ist, darüber gibt es und gab es zu allen Zeiten und Weltgegenden sehr unterschiedliche Vorstellungen.

  2. Freiheit. Kunst ist die „kulturelle Ausnahme“, sie hat die Freiheit, keine Ware zu sein. Kunst existiert außerhalb von Funktionszusammenhängen, allein aus sich heraus (L’art pour l’art). Kunst hat keine Funktion, keinen (praktischen) Nutzen, keinen Gebrauchswert (Oscar Wilde). Auch die Künstler sind frei. Sie sind nicht nur frei von staatlichen Eingriffen und Zensur; sie sind frei, zu tun und zu lassen, was sie für richtig halten. „Kunst darf alles, muss aber nichts.“ (Günther Nenning)

  3. Authentizität. Kunst ist nur Kunst, wenn sie von einem Künstler geschaffen wurde. Künstler ist nur, wer von den Institutionen der Kunst als Künstler akzeptiert wird. Authentizität, das Vertrauen aller Beteiligten, ist die Voraussetzung des Funktionierens des Marktes. Der Künstler glaubt an sich; anders würde er die wirtschaftlichen und sozialen Entbehrungen gar nicht durchstehen. Der Galerist stellt die Werke des Künstlers aus, weil er an den Künstler und seine Idee glaubt. Die Sammler kaufen die Werke im Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit der Experten, Kuratoren, Kritiker.

  4. Öffentlichkeit. Kunst braucht den Betrachter, um Kunst zu sein. Solange die Idee zu einem Kunstwerk nur im Kopf des Künstlers herumspukt, solange sich ein Werk nur in seinem Atelier befindet, ist es nicht Kunst. Kunst braucht Auseinandersetzung. Der Künstler kann noch so tolle Ideen haben, noch so viele Bilder horten: Zur Kunst wird das erst, wenn es in die Öffentlichkeit gehoben wird. Mehr noch: Eine Kunst, die nur von Eingeweihten als solche erkannt wird, wird dem Wesen der Kunst nicht gerecht.

  5. Zeitgeist. Kunst repräsentiert geistige Zeitströmungen: Wenn Kunst eine Sprache ist, dann muss sie auch verstanden werden. Auch hier geht es nicht ohne den Betrachter und die Assoziationen, die er einbringt. Ein Kunstwerk muss interpretierbar sein, und unsere Interpretation beruht auf den gemeinsamen Vorstellungen und Werten einer Epoche.

  6. Innovation. Das heißt: Der Künstler muss einen originären Stil finden, eine eigene Formensprache entwickeln. Form und Gestaltung machen eine Thematik erst zum Kunstwerk. Thema und Inhalt sind sekundär. Die Vermittlung des bloßen Inhalts ist noch kein Kunst-Ereignis, sondern Sache der Wissenschaft, Reportage, Information, Dokumentation.

  7. Ambiguität. Die Kunst der Moderne akzentuiert Widersprüche, vergleichbar der rhetorischen Figur des Oxymoron. „Zweideutigkeit als System“ ist der Wesenszug großer Kunst. Plakative Aussagen sind ohne Kunstreiz. Mit anderen Worten: Ohne zwiespältige Emotionen keine Kunstwirkung. Kitsch, das Gegenteil von Kunst, ist immer eindeutig, nicht hinterfragbar. Er wiederholt tradierte natürliche Motive (keine abstrakten Themen) auf minderem Niveau. Kitsch bestätigt gemütvoll das bis zum Überdruss Bekannte.

Jedenfalls war es ein Vergnügen, Ihren Überlegungen zu folgen, und ich bedanke mich dafür.

Herzliche Grüße, schöne Feiertage und viel Erfolg im Neuen Jahr!

Ihr Otto Hans Ressler

Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger

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