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UPDATE JUNI 2017: Kurzer Kommentar auf fischundfleisch.com: "Die documenta in Kassel, die "wichtigste und größte Weltkunstschau" macht dieser Tage wieder Schlagzeilen - doch hier auf fuf interessiert das offensichtlich niemanden! Und sogar mir fällt dazu nichts mehr ein. Alles was ich zur documenta zu sagen habe, hab ich schon vor zehn Jahren publiziert. Wie ich gerade selbstgefällig bemerken muss: immer noch aktuell..." Siehe dazu Meinungen der fuf-Community

 

(1) Bei aller künstlichen Bescheidenheit der Kuratoren, die keine „Weltausstellung“ machen wollten, ist die documenta – so wie immer – natürlich ein Maßstab für das zeitgenössische Kunstgeschehen. Die documenta setzt Maßstäbe in Bezug auf die Medienlawine, die sie lostritt und die daraus folgenden Besuchermassen, die sie anzieht. Aber setzt sie auch Maßstäbe im Bereich der Kunst? Auch wenn documenta-12-Chef Roger Buergel behauptet, es gehe ihm nicht um die Frage, ob etwas (das er ausstellt) Kunst sei – so ist die documenta auf Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung sehr wohl der Maßstab für zeitgenössische Kunst, egal was ihr jeweiliger Leiter für Intentionen verfolgt.

 

(2) Buergel: „In der Regel haben Ausstellungen ein Thema, oder sie gelten einer Künstlerpersönlichkeit, einer Epoche, einem Phänomen. Die Formlosigkeit der documenta verbietet einen solchen Zugang.“ (Katalog S. 11) Waren da nicht irgendwann drei Leitsätze, die den documenta-Teilnehmern als Basis ihrer Arbeiten dienen sollten? Offenbar waren diese Leitsätze so bedeutungslos, so beliebig, dass sie im Katalog gar nicht mehr aufscheinen. Tatsächlich wäre das Ergebnis der Ausstellung das selbe gewesen, hätte Buergel „Knuttenforz und Pubarschknall“ ((C) Brauhaus Lüdde aus Quedlinburg) als Losung ausgegeben.

 

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(3) Die verpönte, aber berechtigte Frage „Ist das Kunst?“ ist auf der d12 weniger virulent als auf früheren documentas. Offenbar hat sich das Publikum daran gewöhnt, alles was den Stempel „documenta“ trägt als Kunst hinzunehmen. Ein Mohnfeld (laut Katalog „eine transitorische Performance der Natur“ von Sanja Ivekovic, S. 260) ist keine Kunst, auch wenn es mitten in Kassel, auch wenn es auf dem geschichtsträchtigen Friedrichsplatz angebaut wurde. Der Katalog spannt den Bogen der Interpretation von der Antike bis zur Gegenwart. Trotzdem: Ein Mohnfeld ist ein Mohnfeld, auch wenn zwei Mal täglich „revoloutionäre Lieder afghanischer Frauen“ (S. 260) das Feld beschallen.

 

(4) Wo sind 1001 Chinesen geblieben? Der Katalog verät: Sie waren nur von 12. Juni bis 9. Juli (in fünf Etappen) in Kassel. Und weiter: „Die Konfrontation der chinesischen Gäste mit der internationalen Kunstwelt stellt die denkbar günstigste Konstellation dar, um individuelles Bewusstsein für globale Zusammenhänge und kulturelle Identitäten herauszubilden.“ (S. 208) Tja, ob die Chinesen, die laut Katalog keine Fremdsprache beherrschen, ausgerechnet über die Sprache der zeitgenössichen Kunst Verständnis für den Teil der Welt entwickeln, in dem sich Kassel befindet? Diese Inszenierung von Ai Weiwei war überflüssig. Der Künstler und Architekt zeichnet auch verantwortlich für die Freiluftinstallation aus Holztüren und Fenstern der Ming und Qing Dynastie. Verantwortlich für die feierlichen Eröffnungsreden unter dieser Installation zeichnen die Organisatoren der d12. Verantwortlich für den Einsturz dieser Installation war der Wind. Verantwortlich für die Bewahrung der Ruine zeichnet Weiwei. Damit ist dies wohl das einzige Objekt der d12, das auf das Leitthema „Ist die Moderne unsere Antike?“ eingeht.

 

(5) Gerhard Richter – eine einzige Arbeit im Format 30x40 cm – der Alibi-Promi unter den vielen (in Europa) unbekannten Künstlern? Im Übrigen darf Malerei gezeigt werden, wenn sie schiach ist. Und wenn sie unterstützt wird von / with the support of The Bureau of Educational and Cultural Affairs of the U.S. Department of State. Angesichts der spärlichen Infos über die Künstler, deren Herkunft und Wirkungsstätte, stellt sich die Frage, warum gerade die Hinweise auf leihgebende Galerien, „Courtesy“ und Sammler so wichtig sind. Die Malerei mit der Konzeptkeule umzudeuten, darf auf der documenta auch diesmal nicht fehlen: „Malerei ist als technisch-historischer Apparat der Bilderzeugung anzusehen, dessen Geschichte revidiert und dessen Praxis nach heutigen Anforderungen ausgelegt werden musste, damit er über subjektives Tun und/oder Gefallen hinaus Mehrwert produziert.“ (S. 216)

 

(6) Auch der Fotografie und Grafik wird viel Platz eingeräumt. Allerdings wird die Fotografie zu stark auf das Genre Dokumentarfoto reduziert. Was sagen uns diese Fotos auf der documenta, was sie uns nicht längst in alle Zeitungen berichtet haben? Ausnahmen sind die surreal-bösen Foto-Collagen von Ines Doujak und der architektonische Aufbau der Bildgeschichten von Zofia Kulik. Überzeugend die großformatigen Kreidezeichnungen auf dunkelbraunen Paneelen von Jürgen Stollhans und die großformatigen Aquarelle von Atul Dodiya.

 

(7) Die meisten Künstler sind in den Ausstellungshallen Fridericianum, documenta-Halle, Aue Pavillon und Neue Galerie mehrfach präsent. Aufgrund der jeweiligen Architektur ist das möglich. Wenn die Werke auch kaum (nicht einmal formlos) miteinander korrespondieren, so leben sie wenigstens ganz gut nebeneinander. Zum Desaster wird die „Ästhetik der Formlosigkeit“ allerdings in der documenta-Halle, die aufgrund ihrer Höhe und ihres langgestreckten Grundrisses eine sehr gut geplante Gestaltung brauchen würde. Jeder Schaufenster-Dekorateur hätte diesen Raum besser gestaltet.

 

(8) Über den Starkoch Ferran Adria ist im Katalog nachzulesen: „Seine Kreationen sind gekennzeichnet durch eine dekonstruierende Herangehensweise an gewohnte Speise-, Geschmacks- und Esserfahrungen.“ (S. 330) Gerne hätte ich mir sein 40-Gänge-Menü rein gezogen, doch das Zeitbudget eines documenta-Tags erlaubt nur Zwischenstopps bei einer Würstelbude. Der daraus resultierende Fettfleck auf meinem Sakko ist die Rache der Bratwurst am Versuch meine Speisegewohnheiten zu dekonstruieren.

 

(9) Das herausragende Kunstwerk der d12 ist die Inszenierung der Masse. Das am häufigsten in Szene gesetzte Objekt ist die Digicamera. Die wichtigste Aktion ist das Knipsen – aber bitte ohne Blitz! Warum wälzt sich die Masse zur Documenta wie auf das Oktoberfest? Wiederhole diese Frage zehn Mal, so findest Du die Antwort. Buergel. „... weil Menschen mit radikaler Formlosigkeit schlecht umgehen können.“ (S. 11)

 

(10) Der Wunsch, nichts zu übersehen, führt dazu, mit schnellen Blicken alles zu übersehen. Das Paradoxon einer derartigen Großausstellung: Man kann nichts betrachten, ohne dass sich andere Besucher als Blickfänger dazwischen schieben. Der Anspruch Kunst zu erleben, kann hier nicht eingelöst werden.

 

(11) Zur Halbzeit verbuchte die d12 rund 330.000 Besucher, 16.000 mehr als die vorige. Quantität schlägt um in Qualität. „Die Besucher nehmen die Ausstellung an, das beweisen ja auch die Besucherzahlen“, so Buergel laut dpa. Die Qualität der Ausstellung definiert sich durch die Quantität der Besucher. Vordergründige marxistische Dialektik wird immer dann aus der Schublade geholt, wenn andere Qualitätskriterien fehlen.

 

(12) Kunst soll die Phantasie anregen, in den Worten Buergels: „die Ausstellung als Medium kann hoffen, das Publikum in ihr kompositorisches Tun einzubeziehen“ (S. 12). So stelle ich mir vor, wie ein documenta-Chinese dem österreichischen Innenminister die Menschenrechte erklärt; wie der Bundeskanzler zur Nachspeise eines 40-Gänge-Menüs die Adria austrinkt; wie der Landwirtschaftsminister zum obersten Richter über den gentechnikfreien Kunstanbau wird und wie der Wirtschaftsminister den Wind rädert, um Strom zu ernten.

 

Hubert Thurnhofer in UM:Druck, September 2007

Siehe auch: Dia-Show zur documenta 12

 

M. Eibensteiner

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