Bewertung auf Basis der Kunstmarktpyramide
30. November 2006 - Wie eine Branchenumfrage des Instituts für Handelsforschung im Jahr 1999 ergeben hat, liegen lediglich 25 Prozent aller verkauften Kunstwerke in einem Preissegment über 10.000 Euro, gerade noch 0,4 Prozent finden sich in einem Segment über 125.000 Euro. In jüngster Zeit häufen sich wieder Berichte über Sensationsergebnisse bei internationalen Kunstauktionen, die den Blick auf die „real existierenden“ Kunstmarkt verstellen, nämlich die 75 Prozent des Marktes, wo Kunstwerke unter 10.000 Euro gehandelt werden.Um in der Preisbildung auf dem Boden der Realität zu bleiben, sollte man sich die Struktur des Kunstmarktes näher anschauen. Man kann sich den Kunstmarkt als Pyramide vorstellen. Die Spitze der Pyramide wird bevölkert von den Top 100 dieser Welt, wobei der Olymp stark von der amerikanischen Szene dominiert wird. Direkt unter dem Olymp finden sich die Top 100 aller Länder dieser Welt. Dies sind – bei knapp 200 Staaten – rund 20.000 Künstler weltweit. Unter der Ebene der 200 x 100 finden sich die arrivierten Künstler, und das sind deutlich mehr als die jeweiligen Top 100.
Als arriviert kann man jene Künstler bezeichnen, die den Markteintritt über eine Galerie geschafft haben. In Österreich sind das mindestens 3.000 Künstler, in Deutschland sicher mehr als 5.000. Selbst wenn man pro Land “nur” 2.000 arrivierte lebende Künstler als Schätzwert annimmt, so summiert sich diese Zahl weltweit auf 400.000. Die unverblümte Frage, “ist dieser Künstler bekannt?”, die Galeristen gerne mit einem wegwerfend verachtenden Blick beantworten, ist so gesehen nicht unberechtigt. Zumal die Kunstmarktpyramide noch wenigstens zwei Ebenen tiefer geht: Die Ebene, auf der sich Comming-up und verkanntes Genie wie Fuchs und Hase gute Nacht sagen und darunter die Ebene, wo Künstler aller Art zu hause sind, die nach dem ersten Aquarellkurs bereits künstlerische Ambitionen entwickeln, aber meist doch nur Waren aller Art produzieren.
Allein für die ersten drei Ebenen der Kunstmarktpyramide errechnet sich eine exorbitant große Zahl von rund 500.000 arrivierten Künstlern weltweit, die alle an und für sich als Marke wahrgenommen werden wollen. Man muss nicht weiter begründen, dass es wahrnehmungspsychologisch unmöglich ist, auch nur ein Prozent dieser „Marken“ einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Diese Realität wird von den Marketmakern gerne ignoriert oder bewusst verschwiegen, um nicht Rang und Namen der von ihnen vertretenen Künstler zu schmälern. Tatsache jedoch ist: Es gibt keinen Kunstmarkt, aber es gibt viele Kunstmärkte.
Die Einordnung eines Künstlers auf der Kunstmarktpyramide ist somit ein erster Schritt, um eine Beurteilung seines Preislevels vorzunehmen. Welche Kriterien sind darüber hinaus für die Preisbildung von Bedeutung? Die IG Galerien (www.ig-galerien.org) hat die Kriterien der Preisbildung analysiert und daraus folgende Formeln zur Bewertung von Kunstwerken abgeleitet.
5 Faktoren der Preisbildung
Das Kunstwerk
a) Technik & Material
b) Idee & Stil
Der Künstler
c) Bildung & Biografie
d) Nationales Rating
e) Internationales Rating
Summe: 100%
Zur Beurteilung des Risiko-Faktors bei einem konkreten Kunstkauf legen Sie über diese fünf Kriterien eine Matrix und ordnen Sie den einzelnen Faktoren a-e eine prozentuelle Gewichtung zu (die Summe ergibt 100 Prozent). Mit den folgenden Formeln können Sie beurteilen, ob ein ein Kunstwerk unter- oder überbewertet ist. Außerdem lässt sich damit das Risiko bzw. Potenzial beim Kauf eines konkreten Kunstwerkes einschätzen.
5 Formeln:
Formel 1: Marketing-Aspekte (c-e) überwiegen werkspezifische Kriterien
Formel 2: Je höher der prozentuelle Wert von a/b, umso niedriger der Preis
Formel 3: Je höher der prozentuelle Wert von c/d/e, umso höher der Preis
Formel 4: Je ausgeglichener die Werte von a-e, umso größer das Wachstumspotenzial
Formel 5: Je schwankender die Werte von a-e, umso riskanter das Investment
Beispiel 1 sei ein junger, unbekannter Absolvent einer Akademie, der sich auf der Kunstmarktpyramide auf Ebene 4 bewegt. In der Bewertungsskala nehmen die Punkte a und b je 40% ein und c spielt mit 20% in der Bewertung mit. Bei einem Preislevel von 1.000 Euro für Mittelformate ein relativ geringes Verlustpotenzial, aber aufgrund der großen Schwankung (40+40+20+0+0 = 100%) doch ein reltiv großes Risiko – es kann noch nicht gesagt werden, ob der Künstler wirklich den Durchbruch schaffen bzw. sich im Markt halten wird.
Beispiel 2 sei ein Top-100-Künstler aus Österreich, ca. 60 Jahre alt, der aber im Ausland wenig präsent ist. Gewichtung: a 10 %, b 10%, c 25%, d 50% e 5%. Somit spielt das Kunstwerk an sich für die Preisbildung nur noch eine untergeordnete Rolle, es dominieren die Marketingfaktoren c bis e, die allerdings relativ stark schwanken. Aufgrund seines starken nationalen Ratings (Präsenz in vielen österreichischen Galerien und Ausstellungshäusern) kann man von einer gewissen Preisstabilität von 15.000 Euro für Mittelformate ausgehen, aber aufgrund der Marktenge (große Schwankung zwischen d und e) muss das Investment als relativ riskant bezeichnet werden. Jedenfalls wären Auktionspreise über 20.000 Euro für Mittelformate sicher schon überbewertet.
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