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24.5.2010 - 15 Prozent des Strombedarfs von Europa wollen die Betreiber des Projects Desertec bis zum Jahr 2050 mit Solarstrom abdecken. Mit Solarstrom aus Afrika. Ein neokolonialistisches Großprojekt, meinen Kritiker.

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Wenn Konzerne wie Siemens, Eon, ABB und Deutsche Bank die Sonnenenergie als Zukunftsthema entdecken, so wollen die Konzernherren damit nicht kleckern, sondern klotzen, so wie es ihrer Größe entspricht. Astronomische 400 Milliarden Euro sollen innerhalb von zwanzig Jahren in Afrika investiert werden, um den steigenden Energiebedarf zu decken. Den steigenden Energiebedarf Europas! Immer mehr Konzerne finden Gefallen an dem Projekt Desertec, auch die OMV beabsichtigt den Einstieg.

"Wir erwarten uns von dem Projekt Desertec Know-how und Informationsaustausch, wenn es um neue Technologien geht. Einer unserer Unternehmenswerte lautet "Pioneers", diesem werden wir mit unserem Projekteinstieg sicher gerecht. Wir erweitern unsere Wertschöpfungskette und wollen ein voll-integriertes Energieunternehmen mit einem breiten Portfolio werden. Darüber hinaus passt der geographische Fokus von Desertec zu unserer Unternehmensstratgie, die u.a. eine Anbindung der Lieferregionen an unsere Kernmärkte vorsieht. Wir sind ja in vielen Desertec Ländern bereits in der Exploration und Produktion erfolgreich tätig", gibt sich OMV-Sprecher Sven Pusswald euphorisch.

Friedrich Führ, Vorstand der Desertec Foundation, sieht in dem Projekt nicht nur die (Er-)Lösung von unserem Energieproblem, sondern auch noch die Erfüllung einer weltumspannenden Friedensmission: „Es gibt mehr als genug Solarpotenzial, um die Hälfte des weltweiten Stromverbrauchs aus Wüstenstrom zu decken. Wir sind von der friedensstiftenden Wirkung des Desertec-Konzepts überzeugt, denn der Umstieg auf praktisch unbegrenzt verfügbare Sonnenenergie kann Konfliktpotenziale um begrenzte fossile Brennstoffe verringern.“ Zu den Desertec-Befürwortern der ersten Stunde zählt auch der langjährige Leiter des UNO-Umweltprogramms, Klaus Töpfer. Der ehemalige Executive Director of the United Nations Environment Programme steht heute als Strategic Advisor (Strategie Beirat) auf der Payroll der Desertec Industrial Initiative (DII), das ist die operative Vorfeldorganisation der Desertec Foundation. Er soll sich künftig um die politischen und sozialen Fragen und Probleme kümmern, die das Projekt in Nordafrika zweifellos nach sich ziehen wird.

Im politischen Umfeld wird Töpfer wohl genug zu tun haben, wenn Desertec in der geplanten Form realisiert wird, denn Algerien, Marokko, Libyen sind nicht gerade für für ihre Rechtssicherheit berühmt. Neben der politischen Unwägbarkeiten stehen die technischen: die Infrastruktur am Rande der Sahara ist für Großprojekte dieser Art nicht aufgeschlossen. Geplant sind solarthermische Großkraftwerke, bei denen Sonnenenergie gebündelt wird und in Form von Wärmeenergie Dampfturbinen betreibt. Dies erfordert große Mengen an Kühlflüssigkeiten, die gerade in der Wüste nicht vorhanden sind. Schließlich bleibt da noch das Problem häufiger Sandstürme, die die Oberflächen der Parabolspiegelsysteme wohl in kürzester Zeit zerstören würden. Nicht zuletzt ist auch völlig ungeklärt, wie die Hochspannungsleitungen über oder unter Meeresspiegel nach Europa geführt werden sollen.

Neben der technischen Einzelprobleme, die Technokraten sicher für lösbar halten, steht aber ein Grundsatzproblem, das der Experte für nachhaltige Energiewirtschaft, Ulfert Höhne, auf den Punkt bringt: "Mit Desertec wollen sich die Energiekonzerne ihre Monopolstellung sichern. Unter dem Banner der Zukunftsenergie wollen sie verhindern, dass die dezentrale Versorgung Überhand gewinnt. Die dezentrale Versorgung - das Internet der Energie - ist aber das entscheidende Paradigma einer nachhaltigen Energiewirtschaft. Mit Fotovoltaik ist das heute bereits technisch machbar - auch in unseren Breitengraden, dazu braucht es kein Megaprojekt in Afrika. Die Desertec Foundation als unheilige Allianz aus Zentralismus und Kolonialismus bremst in Wahrheit die Energiewende, die in den vergangenen zehn Jahren langsam an Kraft gewonnen hat."

Desertec  ist zweifellos ein spannendes technisches Planspiel, aber ist es deshalb schon sinnvoll? Jedenfalls ist es bei diesem Projekt, bei dem es um Milliarden geht, für die letztlich der Steuerzahler aufkommen wird müssen, legitim und notwendig zu fragen, ob das auch politisch wünschenswert und demokratiepolitsch vertretbar ist. Der Denkansatz, den Anwohnerstaaten der Sahara ein Megaprojekt aufzuoktroieren um Europas Energieprobleme zu lösen, ist jedenfalls verkehrt. Diese Denkungsweise disqualifiziert sich selbst als Kolonialismus. Wenn die Deutsche Bank als Geldgeber nur einen Bruchteil der Kosten für Desertec für Fotovoltaikanlagen in ganz Afrika zur Verfügung stellen würde, könnte sie einen echten Beitrag zur dezentralen Entwicklung dieses Kontinenten leisten - und damit die europäische, insbesondere die deutsche Exportwirtschaft nachhaltiger fördern, als mit einem Megaprojekt für ein paar Konzerne.

The Global Player, 2/2010 (Mai/Juni)

 

Nachsatz: In der Oktober-Ausgabe 2013 berichtet das deutsche Wirtschaftsmagazin "Capital": "Selbst im Energiesektor, in dem Deutschland für sich eine Vorreiterrolle reklamiert, bleibt der große Wurf aus. Das Projekt Desertec, der Plan, für Europa Sonnenenergie in der Sahara zu erzeugen - das durch seinen ungewöhnlichen Größenwahn bestach -, droht stecken zu bleiben, bevor es überhaupt richtig angegangen wurde. Siemens und Bosch sind bereits aus dem Projekt ausgestiegen."

Nachsatz: am 13. Dezember 2013 berichtet "Die Welt": "Dem in Deutschland gegründeten Industriekonsortium Desertec Industrial Initiative (Dii) liefen prominente Mitglieder wie Siemens und Bosch davon. Zwischen Gründungsmitgliedern und Gesellschaftern herrschte Streit über den mangelnden Fortschritt und die zukünftige Ausrichtung des Projekts. Selbst die Desertec Stiftung, ein Gründungsmitglied der Dii, kehrte der Industrie-Initiative den Rücken, untersagte der Firmengruppe sogar die Verwendung des Namens Desertec. Jetzt kann die Firmengruppe Dii allerdings wieder positiv punkten: Der größte Stromnetzbetreiber der Welt, die State Grid Corporation of China (SGCC), wird neuer Gesellschafter."

Illustration: Ernst Zdrahal

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