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27.11.2015 - Zukunftsvisionäre und Megatrendforscher übersehen oft, dass der Fortschritt kein großer Schritt ist, sondern in Millionen und Milliarden von kleinen Schritten in viele Richtungen gleichzeitig trippelt. Ein Blick in die Zukunft ist möglich, wenn man die vergangenen 30 Jahre extrapoliert.

 

Um eine realistische Vorstellung vom Jahr 2045 zu bekommen muss man die Entwicklung der drei tragenden Säulen unserer Zeit in Erwägung ziehen: Information, Energie, Geld.

 

Informationstechnologie: Vor 30 Jahren haben wir ein gefürchtetes Jahr gut überstanden: 1984. Der Buchhandel hat vom Megatrend zu Orwell-Büchern profitiert. Eindrücke vom Großen Bruder vermittelte mir persönlich ein Sprachkurs in Leningrad. Im „Westen“ war die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Heute leben wir in einer vollständig überwachten Welt, die weit subtiler organisiert ist, als sich dies Orwell ausmalen konnte. Nicht wegen NSA, FSB, Mossad und Co, die nur tun, wozu sie da sind: spionieren. Viel schlimmer sind die Großen Brüder, die wie kleine, nette Brüder daher kommen, via Smartphone, google und facebook, die fast jeder in unseren Breitengraden täglich nutzt. Freiwillig! Diese spionieren viel intensiver und effizienter als alle staatlichen Geheimdienste zusammen, aber das Datamining privater Konzerne stört uns heute so wenig wie vor 30 Jahren die Produktion von Blutdiamanten in Südafrika.

 

Energiesektor: Die übertrieben aufgeblasene Energiekrise der 1970er Jahre war 1985 schon längst vergessen, ebenso wie die 1972 publizierten Warnungen des Club of Rome, der als erster auf die Grenzen des Wachstums hingewiesen hat. Heute gibt es einen Konsens darüber, dass die Ressourcen dieses Planeten begrenzt sind. Ob das Ende des einen oder anderen Rohstoffes in 50, 100 oder 200 Jahren sein wird, ist dabei eine rein akademische Diskussion. Die These, dass wir unsere sozialökonomischen Aufgaben nur durch Wirtschaftswachstum lösen können, ist aber bis heute die herrschende Meinung geblieben. So verbrauchen wir wider besseres Wissen 2015 mehr Rohstoffe als je zuvor. Und wir verbrauchen trotz (oder gerade wegen) enormer Fortschritte im Bereich der Erneuerbaren Energien mehr Strom als je zuvor.

 

Zdrahal Ernst Stadterneuerung 500

(Illustration: Ernst Zdrahal, Stadterneuerung)

 

Finanzindustrie: Vor 30 Jahren gab es Unternehmer, die es in der Nachkriegszeit zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben. Am Wohlstand haben die Mitarbeiter dieser Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes partizipiert. Dafür haben nicht nur die Gewerkschaften gesorgt, sondern auch die meist christlich-soziale Einstellung der Unternehmer. Die Banken waren Dienstleister. Heute sind die Banken Teil einer unkontrollierbaren Finanzindustrie. Der Finanzkapitalismus hat ausgehend von den USA und Europa praktisch alle Staaten bis Russland und China erobert. Ein Finanzkapitalismus, den sich Marx und Engels nicht einmal in ihren wildesten Albträumen vorstellen konnten. Ein System, von dem die meisten regierenden Politiker (das inkludiert auch die meisten Oppositionsparteien) der Überzeugung sind, es sei alternativlos. Stark getrieben von den Supergagen im Finanzsektor öffnet sich die Einkommensschere weiter in bedrohlicher Weise, was wir nicht erst seit den Publikationen von Thomas Piketty wissen.

 

Cocoonomics 2045: Am 13. März 2012 wurde die endgültige Einstellung der gedruckten Encyclopædia Britannica und nach 244 Jahren die vollständige Konzentration auf die digitalen Angebote bekannt gegeben.“ Diese Information stammt aus wikipedia. Wiki ist heute kein Junge mehr, umgeben von starken Männern, sondern ein längst erwachsenes System der gemeinschaftlichen Erstellung von Informationen. Anders gesagt: ein gelungenes Beispiel kollektiver Intelligenz. Bild und Video sind längst fixer Bestandteil dieser virtuellen Informationswelt, deren physische Ebene aus Mikrochips besteht, deren Leistung sich jährlich verdoppelt. Produziert werden diese Mikrochips ausschließlich von Computern und Robotern, kein menschliches Hirn kann den Bauplan von Mikrochips entwickeln, keine menschliche Hand kann sie herstellen. Jede neue Generation von Mikrochips enthält hunderte Neuerungen, nicht als Ergebnis eines großen Erfinders, sondern als Ergebnis kollektiver Intelligenz, die zu einem guten Teil computergesteuert ist.

 

Die gespeicherte Information wächst deshalb so schnell, weil immer mehr Gegenstände (und Verhaltensweisen) durch Digitalisierung zur Information werden. Die Ablösung der Analogfotografie durch die Digitalfotografie und die Weiterentwicklung von Handys zu Smartphones sind Beispiele, wie revolutionäre Veränderungen innerhalb von fünf Jahren still und friedlich über die Bühne gehen können. Voraussetzung: der User muss kein völlig neues Verhalten lernen, sondern kann bereits Gelerntes erweitern. Die Angst vor dem Neuen wird durch die Vorteile des Neuen schnell überlagert.

 

So werden 3D-Druck-Shops schon in den 2020er Jahren wie seinerzeit Copy-Shops aus dem Boden schießen, in 30 Jahren seht in jedem Haushalt ein 3D-Drucker der die wichtigsten Artikel des täglichen Gebrauchs, vom Geschirr bis zum T-Shirt, ausdruckt. Komplexere Produkte werden weiterhin in 3D-Druck-Shops mit Spezialprintern produziert.Es gibt nur noch maßgeschneiderte Kleidung, denn  jeder nutzt eine 3D-Scan-App. Gebrauchte Artikel werden zu Druckerpatronen recyclet.  Große Teile der Produktion, die in der Epoche der Globalisierung in Billiglohnländer ausgelagert wurden, wandern so wieder zurück in die lokalen Printshops.

 

Den Einzelhändler, der 60 Stunden die Woche seinen Laden hütet um seine Ladenhüter los zu werden, wird es 2045 nicht mehr geben. Es gibt nur noch Produkte on demand und Musterläden, wo man rund um die Uhr neue Materialien ausprobieren und Probedrucke anfertigen kann. Daneben gibt es ein reges Genossenschafts- und Vereinsleben, wo sich die Menschen in Theorie und Praxis mit den alten Handwerkstraditionen beschäftigen und mit natürlichen Materialien wie Leder, Wolle und Baumwolle Schuhe und Kleider herstellen und auch in Umlauf bringen. Wachsenden Zulauf haben die Bauern-Genossenschaften, die nach biorhythmischen Kriterien Lebensmittel produzieren.

 

Die Mitgliedschaft in den Vereinen und Genossenschaften wird mit einer Flatrate in Euro bezahlt, innerhalb der Vereine regieren die Prinzipien der Gemeinwohlwirtschaft. Die Gemeinwohlwirtschaft agiert nicht nur bargeldlos, sie kommt völlig ohne Geld aus. Vertrauen ersetzt hier das Geld. Dies führt einerseits zu besseren Beziehungen innerhalb der Vereine, aber auch zu einem Cocooning nach außen. Arbeiten im alten Sinn des Wortes müssen die Menschen nur noch 20 Stunden pro Woche. Der verpflichtende Arbeitsdienst (=Staatsbürgerdienst) versorgt die Bürger mit einem einheitlichen Grundeinkommen und den Staat mit den notwendigen Finanzmitteln für den Außenhandel.

 

Vereine konstituieren sich 2045 wie heute als Interessensgemeinschaften (Kultur, Sport, Handwerk), aber mehr als heute über moralische und ethnische Zugehörigkeit. Beschleunigt hat dieses Phänomen die Flüchtlingswelle der Jahre 2015 bis 2019 und die Absage an die multikulturelle Gesellschaft. Der Traum von der Integration aller Kulturen und Gesellschaftsmodelle war damit ausgeträumt. An seine Stelle ist eine polykulturelle Gesellschaft getreten, in der  beispielsweise Traditionsvereine von Syrern und Steirern in Wien Hochkonjunktur haben. Gleichberechtigt, aber nebeneinander und kaum miteinander.

 

Auch die Regionalisierung der Energieversorgung, die mit der Energiewende zu Beginn des 21. Jahrhunderts eingeläutet wurde, hat zur Entwicklung der Cocoonomics beigetragen. Das Interesse an kleinen Ökosystemen, autonomen ökonomischen und ökologischen Einheiten, hat stark zugenommen. Auf 50% aller Dächer befinden sich Photovoltaikanlagen. Wien ist nach Vorarlberg das zweite Bundesland, das vollständig auf E-Cars umgestellt hat, Benziner und Diesel sind in der Hauptstadt verboten. Die Menschen fahren zu 90 Prozent mit Öffis: Zentral gesteuerten U-Bahn, Straßenbahn, Busse. Dazu kommen  via google-Satelliten gesteuerte iCars, die von einem Joint-Venture der Wiener Verkehrsbetriebe und dem Apple-Konzern betrieben werden.

 

Nach dem Platzen der Finanzblase 2021 hat sich die Wirtschaft schnell erholt. Auf dem Wiener Kongress 2022-2025 wurde die Umschuldung aller Staaten geregelt. Konstruktionen und Spekulationen der Finanzindustrie, sowie Zinsen wurden verboten, die Banken den Finanzministerien aller Länder direkt unterstellt. Die Tätigkeitsfelder globaler Konzerne wurde auf Infrastrukturaufgaben eingeschränkt. Was zur Infrastruktur zählt wird seither in der jährlichen Infrastrukturkonferenz der UNO festgelegt.

Erschienen in a3eco / A3 ECO / Das Unternehmermagazin / 12/2015

Weiterer Beitrag in ECO. Das Unternehmermagazin 12/2015: Content Manager versus Journalisten

 

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