Anthologie des Anima Incognita Kulturvereins
Herausgeber: Hubert Thurnhofer
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VORWORT - Manche Menschen teilen ihr Leben in Arbeit und Freizeit. Das bedeutet oft, dass sie mit ihrem Job unglücklich sind, während sie ihr eigentliches Leben nur in der Freizeit verwirklichen können. Andere Menschen können erst in der Pension, frei von Sorgen um die Kinder und frei von allen anderen Verpflichtungen, ihr eigenes Leben beginnen. Die Jugend will das nicht mehr und fordert Work-Life-Balance, noch bevor sie je richtig gearbeitet hat. Für Jung und Alt stellt sich gleichermaßen die Frage: Wann haben wir Zeit zum Leben?
Ein Möbelhändler provozierte einmal mit dem Werbeslogan: „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“ Das impliziert: Wohnraum ist nicht immer ein vorzüglicher Lebensraum. Wohnen und Leben können sehr unterschiedliche Sachverhalte sein. Früher sprachen die Menschen von Stadt- und Land-Bewohnern. Damit wurde nicht nur eine örtliche Abgrenzung geschaffen, sondern auch eine zeitliche. In der Stadt waren Zukunft und Fortschritt daheim, während am Land Traditionen der Vergangenheit weiter lebten.
Das Leben ist heute durchlässiger, ja sogar grenzenlos. Massentourismus öffnet uns die ganze Welt ebenso wie das Internet. Das Weltgeschehen dreht sich in noch nie dagewesener Geschwindigkeit um uns. Wir mussten lernen, schneller zu leben. Man muss heute in drei Tagen ganz Europa bereisen, um tausende Selfies von allen bekannten Sehenswürdigkeiten nach Hause zu bringen. Dafür wird man in Zukunft sogar zwei Leben brauchen: eines, um Millionen von Selfies zu produzieren, und ein zweites, um all das anzuschauen.
Aber haben wir deshalb gelernt, intensiver zu leben? Können wir in dieser Geschwindigkeit überhaupt noch etwas er-leben, Geist und Seele be-leben? Vieles bleibt an der Oberfläche, wovon Millionen von Selfies Zeugnis ablegen. Um beim Beispiel Tourismus zu bleiben: es ist besser ein Land zu erfahren, statt es zu überfliegen. Man könnte sagen: jeder Tag ist eine kleine Reise. Es liegt an uns, ob wir unsere täglichen Reisen erleben oder überfliegen, ob wir uns Zeit zum Leben nehmen, oder nur für tausende Augenblicke mit Selfiestick.


