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Mit Erscheinen der ersten Ausgabe von UmDruck ist auch die zweite schwarz-blauorange Regierungsperiode schon wieder Geschichte - und es ist keineswegs voreilig, schon jetzt Geschichtsbücher mit dem Resümee zu verfassen, dass auch dieser Regierung die zeitgenössische bildende Kunst - mit Verlaub - scheißegal war. Fast nostalgisch erinnert man sich an den Kunst-ist-Chefsache-Kanzler Viktor Klima und seine an Platidüden unübertroffene Laudatio auf Alfred Hrdlicka anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Wiener Künstlerhaus. Vom Schweigekanzler Wolfgang Schüssel bleiben jedoch nicht einmal Platidüden in Erinnerung. Über seinen Kunststaatssekretär wollen wir aber künftigen Generationen warnend ins Stammbuch schreiben: Traue keinem Politiker, der dir die Absetzbarkeit der Kunst verspricht.

An Hrdlicka erinnert sich übrigens auch Karlheinz Schmid, Chefredakteur der Kunstzeitung, in der August-Ausgabe: „Jahrzehnte ist´s her, da ging´s um Alfred Hrdlicka und seine An- beziehungsweise Abwesenheit als Professor in Stuttgart. Irgendein Ministeriumsmitarbeiter räumte schließlich ein, dass man auch nicht erwarten dürfte, dass solche renommierten Künstler tatsächlich in den Akademien anwesend seien. Wenn man sie beruft, so hieß es, dann doch deshalb, um die Reputation der jeweiligen Hochschule aufzuwerten. ... Viele der auf dem Kunstmarkt erfolgreichen Stars geben vorzeitig auf, brechen aus, weil sie die Auflagen der Akademie-Verwaltungen fürchten oder es leid sind, rund um die Uhr den Betreuer spätpubertärer, nicht selten arbeitsunwilliger Studenten zu geben. Gerade im Auftrieb eigener Kreativität und entsprechend stürmischer Markt-Resonanz bleibt keine oder zu wenig Zeit, um sich auf den Nachwuchs, den Mitbewerber von morgen, ernsthaft einzulassen.“ (Kunstzeitung 8/2006, S. 14)

Wenn die hier angeführten “Stars” (Schmid nennt aktuelle Beispiele wie Thomas Ruff, Elke Krystufek oder Daniel Richter) nicht von “arbeitsunwilligen Studenten” belästigt werden wollen, dann sollen sie sich nicht um Professuren bewerben. Immerhin fallen Professuren nicht vom Himmel sondern werden als öffentliche Stellen ausgeschrieben. Und in einer Ausschreibung findet sich in der Regel ein Anforderungsprofil, zu dem auch der Unterricht gehört. Offenbar ist es nicht nur in Wien üblich, dass die “Stars” der Meinung sind, allein ihr Name müsse der Akademie zur höheren Ehre gereichen und (den Ausschreibungen entsprechende) Leistungen bräuchten deshalb nicht erbracht zu werden (was in jedem anderen Job sofort zum Rausschmiss führt).

Das wirft die grundsätzliche Frage auf: Wozu sind Professoren da und wozu sind Akademien/Kunstuniversitäten überhaupt da?

Um (arbeitsunwilligen?) Studenten die Illusion zu vermitteln, sie könnten sich vier, fünf Jahre kostenlos im Lichte der “Stars” sonnen und dann urplötzlich aus deren Schatten treten und wie ein Komet im Kunstmarkt einschlagen? Um “spätpubertäre” Möchtegernkünstler ein paar Jahre in eine geschlossene Anstalt abzuschieben, wo sie ihren Egotrip ausleben können? Um sie in dem Irrglauben blöd sterben zu lassen, junge Künstler könnten ohne Studium der Alten Meister jemals mehr als zu egozentrischen und selbstgefälligen Selbstdarstellern werden? Oder vielleicht doch, um bildungshungrigen Talenten kulturgeschichtliche Kenntnisse, Techniken, Erfahrungen, Enthusiasmus und vielleicht sogar Werte zu vermitteln?

Wenn da die “kaum berufenen Professoren” kündigen, dann wars vielleicht nicht ihre wahre Berufung. Ich jedenfalls habe größtes Verständnis, wenn Studenten gegen solche “Berufungen” revoltieren und lasse mich gerne von allen Professoren mit allerhöchster “Reputation” steinigen für meine Überzeugung, dass Akademien für Ausbildung und noch mehr für Bildung zuständig sind. Offenbar sehen das viele Professoren anders. Deshalb möchte ich als bekennender Realitätsverweigerer die Frage stellen: Wie finden solche Berufungen eigentlich statt?

Was immer man der verflossenen Regierung vorwerfen kann, Scheinheiligkeit sicher nicht. Noch nie wurden so unverblümt – ohne die geringsten Versuche den Schein zu wahren – Postenbesetzungen nach Regierungsbelieben vorgenommen wie in den vergangenen zwei Legislaturperioden. Die Nominierung von Monika Lindner zur ORF-Generalin war da nur die Spitze des Eisbergs. Nach der „missglückten“ Wahl ist es keinem Molterer und keinem Schüssel, auch keinem Kunst- und Medienstaatssekretär eingefallen, wenigstens zum Schein mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit des ORF-Stiftungsrates das Wahlergebnis anzuerkennen. Nein, da wurden koalitionäre und parteinahe Abweichler unverblümt zu Verrätern gestempelt.

Aufgrund dieser Lektion kann ich nur vermuten, dass wenigstens an den Akademien die realitätsbestimmenden, regierungsnahen Kreise noch in sich geschlossen sind. Krystufek rein, Krystufek wieder raus – das ist nur möglich, wenn inkompetente Stellen Vorentscheidungen ohne Rücksicht auf die Qualifikation des/der KandidatIn treffen. Bleibt abzuwarten, wie allfällige Grüne in der Regierung der Versuchung des Postenschachers widerstehen werden. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Kunstakademien ohne Bildungsanspruch keine Existenzberechtigung haben!

Um:Druck, September 2006

300 Leonjtew Leben