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Der Verdacht liegt nahe, daß Ulrichs Möglichkeitssinn und seine endlose Reflexionsleidenschaft ihn daran hindern, seine Gedanken zu verwirklichen. Ist das die ganze Geschichte, die uns Musil erzählen wollte? Dann könnte man hier mit einem Appell an Ulrich schließen: komm doch endlich zur Vemunft! (und ist das gleichbedeutend mit der Aufforderung: schreite doch endlich zur Tat!?) Wie könnte man Ulrichs "Handlungsunfähigkeit" sonst deuten? Man kann darin den Gedanken finden, daß freies Handeln nicht innerhalb der Grenzen der Wirklichkeit, sondern nur aufgrund grenzenloser Möglichkeiten wirklich möglich ist; daraus folgt: die Bedeutung der Möglichkeit liegt im Handln. Und insofern hat die Möglichkeit Bedeutung sowohl für Ulrichs "Tätigkeitstrieb" (MoE 255), als auch für seinen "Passivismus" (MoE 356). Nur: welchen Sinn hat der Begriff der Möglichkeit dann noch, wenn alles daraus folgen kann, aber nichts daraus folgt? Kann man den Begriff der Möglichkeit so gesehen universal nennen, oder muß man ihn vielmehr als paradox bezeichnen?

Betrachten wir nochmals die Konsequenzen, wenn die Möglichkeit zur Universalkategorie wird. Man kann dann nicht mehr von einer Kategorie der Möglichkeit sprechen, sondern muß vielmehr die Möglichkeit der Kategorie in Frage stellen. Ebenso werden die Idee des Absoluten und das Wesen des Seins aufgelöst in der Möglichkeit des Ganzen. Anstelle persönlicher Eigenschaften tritt die Möglichkeit der Eigenschaftslosigkeit. Nicht zuletzt wird die Idee der Freiheit aufgehoben in der Möglichkeit der Freiheit.

Was folgt daraus? Aus diesem universalen Begriff der Möglichkeit folgt die Unmöglichkeit des Begriffs der Handlung. Warum? Wenn die Möglichkeit Handeln bedeutet, sodaß man umgekehrt sagen kann, die Möglichkeit liegt im Begriff der Handlung, so darf dieser Handlungsbegriff nicht hinter den Begriff der Möglichkeit zurückfallen. Zumindest die zwei äußersten Pole des Begriffes der Möglichkeit, nämlich Realität (auch im Sinne von Realisierbarkeit) und Freiheit (auch im Sinne von Emanzipation) liegen somit im Begriff des Handelns. Handeln heißt also: gleichzeitig die Wirklichkeit zu befreien und Freiheit zu realisieren. Aber ist das auch möglich?

Ist die Wirklichkeit befreien nicht selbst eine Handlung, die sehr unfrei ist, und ist die Freiheit realisieren nicht gleichzeitig eine Handlung, die sehr unwirklich ist? Dieses Handlungsparadox liegt aber auf einer anderen Ebene, als der oben formulierte Verdacht, denn dieser Verdacht meint nur, Ulrich könnte jederzeit handeln, wenn er sich nur endlich für eine seiner Möglichkeiten entscheiden wollte; d.h. er könnte handeln, wenn er nur handeln wollte. Ulrichs Problem wäre somit ein Problem seiner Entscheidungs- oder Willensschwäche.

Das Handlungsparadox hat aber zur Folge, daß der Begriff des Handelns selbst verloren geht. Mit Ulrich versucht Musil zu zeigen, was geschieht, wenn dieser Begriff verloren geht. Die Methode, wie Musil in verschiedenen Zusainmenhängen den Begriff des Handelns (wie überhaupt alle für ihn zentralen Begriffe) aufnimmt, wieder fallen läßt und in einem anderen Kontext wiederfindet, erinnert sehr an Wittgenstein. Auch inhaltlich findet sich eine Analogie zu Wittgenstein, wo dieser die Frage aufwirft: was ist eine Regel? Wittgenstein gibt auf diese Frage keine Antwort, sondern umkreist sie sozusagen mit anderen Fragen: was heißt einer Regel folgen, und wie kann man einer Regel folgen? Woher hat man das Regelwissen? Kann man Regeln lernen? Wo existieren Regeln? Was ist regelmäßig, und was einer Regel gemäß? In Beantwortung dieser Fragen stößt man auf ein Paradoxon: man kann einer Regel nicht nur in einer Weise folgen, sondern meistens in vielen, und oft in beliebig vielen Weisen. Durch dieses Regelparadox geht aber der Regelbegriff selbst verloren, denn was ursprünglich im Begriff der Regel liegt (nämlich der Begriff der Eindeutigkeit), läßt sich in der Verwirklichung der Regel (im Regelfolgen) nicht mehr aufrecht erhalten.

Ein typisches Regelparadox schildert Musil im Kapitel "Moosbrugger denkt nach": „Und da taten die Psychiater wunder wie neugierig, wenn sie Moosbrugger das gemalte Bild eines Eichhörnchens zeigten, und er darauf antwortete: "Das ist halt ein Fuchs oder vielleicht ist es ein Hase; es kann auch eine Katz sein oder so." Sie fragten ihn dann jedesmal recht schnell: "Wieviel ist vierzehn mehr vierzehn?" Und er antwortete ihnen bedächtig: "So ungefähr achtundzwanzig bis vierzig." Dieses "Ungefähr" bereitete ihnen Schwierigkeiten, über die Moosbrugger schmunzelte. Denn es ist ganz einfach; er weiß auch, daß man bei achtundzwanzig anlangt, wenn man von der Vierzehn um vierzehn weitergeht, aber wer sagt denn, daß man dort stehen bleiben muß?!“ (MoE 240)

Wenn Wittgenstein das Regelparadox zu umgehen versuchte mit dem Hinweis: so handle ich eben, oder wenn er die Frage, was eine Regel sei, zurückwies mit dem Hinweis: schau nach, wie die Regel gebraucht wird, so hat er letzlich die Regelproblematik aufgelöst im Handlungsbegriff. Bei Musil wird aber deutlich, daß auch das Handeln nicht "letzte Instanz" sein kann. Denn wenn Moosbrugger bei der Addition von 14 + 14 nicht bei 28 stehenbleiben muß, so führt dieses Paradox nicht nur zur Auflösung des Regelbegriffs, sondern auch zur Auflösung der Addition (also gerade zur Auflösung der hier geforderten Tätigkeit).

Welche Probleme wirft Musil in bezug auf den Handlungsbegriff auf, und wie handelt Ulrich tatsächlich? Ulrich handelt als Möglichkeitsmensch (aber das heißt nicht: bloß im Rahmen seiner Möglichkeiten), wobei er sich einerseits "tatkräftig und feurig" (MoE 83) benimmt, anderseits aber abwartend und passiv verhält. Darin liegt aber noch kein Paradoxon, sondern es zeigt sich hierin eine Vielfalt von Differenzierungen:

1. die Differenz zwischen Handlung und Tätigkeit

2. die Differenz zwischen Handlung und Geschehen

3. die Differenz zwischen Handeln und Wirken

4. die Differenz zwischen Handeln und Denken

 

ad 1: die Differenz zwischen Handlung und Tätigkeit

Der aktive Passivist tut zwar nichts in seinem "Warten eines Gefangenen auf die Gelegenheit des Ausbruchs" (MoE 356), aber er handelt; d.h. er realisiert das Ganze seiner Möglichkeiten. Im Warten realisiert er seine Freiheit, die ihm noch verblieben ist, und befreit sich gleichzeitig von seiner Wirklichkeit, die ihn äußerlich noch gefangen hält. Anderseits kann man tätig, aktiv sein, aber ohne dabei frei zu handeln; man wird zur Tat oft sogar getrieben. „Er [U1rich] hatte so ziemlich alles mitgemacht, was es gibt, und fühlte, daß er sich noch jetzt jederzeit in etwas hineinstürzen könnte, das ihm gar nichts zu bedeuten brauchte, wenn es bloß seinen Aktionstrieb reizte.“ (MoE 148) Mitmachen, sich in etwas hineinstürzen, sind Formen von Nicht-Handeln, und tatsächlich räsoniert Ulrich später: "alle meine frühere Tatkraft, auf die ich stolz gewesen bin, ist ein Davonlaufen .vor mir selbst gewesen" (MoE 1317). Das Davonlaufen, die Flucht vor sich selbst, war die eigentliche Handlung bei jeder Tätigkeit, und darin zeigt sich das Handlungsparadox.

 

ad 2: die Differenz zwischen Handlung und Geschehen

Die Drehung der Erde um ihre Achse, und ähnliche Vorgänge geschehen offensichtlich menschenunabhängig. Aber vieles geschieht, von Menschen verursacht und nur für den Menschen erdacht, ohne daß man die Handlung einzelner dahinter entdecken könnte. Ein Beispiel dafur ist die Bürokratie und ihre in Ruhe und Ordnung ablaufenden Vorgänge: „Stelle Eins schrieb, Stelle Zwei antwortete; wenn Stelle Zwei geantwortet hatte, mußte man Stelle Eins davon Mitteilung machen, und am besten war es, man regte eine mündliche Aussprache an; wenn Stelle Eins und Zwei sich geeinigt hatten, wurde festgestellt, daß nichts veranlaßt werden könne; so gab es unaufhörlich etwas zu tun.“ (MoE 449) Die Bürokratie schafft zwar vielen Leuten Arbeit (anderen Leuten wiederum macht sie zu schaffen), aber bei allem, was innerhalb ihrer festen Mauem getan wird (ohne daß jemand handelt), kann man sagen, daß viel geschieht (ohne daß jemandem etwas passiert). Es geschieht meist das, was den status quo zementiert. Am Ende eines solchen Geschehens stehen oft einzelne Menschen, die versehentlich einzementiert worden sind. Wenn sich der Betroffene noch wehren kann, bevor ihm der Beton bis zum Halse steht, dann läuft das Geschehen retour, wobei in den meisten Fällen der Retourgang unbemerkt in einen Leerlauf übergeht, sodaß niemand belastet wird, und die ganze Last bleibt, wo sie war. Und das ist in dieser Wirklichkeit gar nicht anders möglich, denn bis ein solches Geschehen einmal bei einem einzelnen Menschen endet, ist es in Form von Akten schon durch unzählige Abteilungen gelaufen, und mit den Akten wird die Verantwortung weitergereicht. So wird die Verantwortung durch die Anzahl der beteiligten Abteilungen dividiert, bis der Rest gleich Null ist.

Anders gesagt: der Einzelne kann immer auf das Ganze des Geschehens verweisen, das er natürlich nicht verursacht, sondern nur kurzfristig bearbeitet hat. Der Einzelne wird so seine Verantwortung los, verantwortungslos - dazu angehalten, nur seine Pflicht zu tun (und man soll nicht glauben, das gelte nur für Soldaten oder Offiziere). Die Zauberformel, die das bürokratische Geschehen in Gang hält (ohne Gefahr, es auf Trab zu bringen), „diese Zauberformel Ass., die in den kakanischen Ämtern in Gebrauch war, hieß "Asserviert", auf deutsch soviel wie "Zu späterer Entscheidung aufgehoben", und war ein Vorbild der Umsicht, die nichts verloren gehen läßt und nichts übereilt.“ (MoE 225) Aufbewahren und konservieren sind die eigentlichen Handlungen im bürokratischen Geschehen, und darin zeigt sich das Handlungsparadox.

 

ad 3: die Differenz zwischen Handeln und Wirken

Im Gespräch mit Bonadea äußert Ulrich: „Der Mensch ist nicht gut, sondern er ist immer gut; das ist ein gewaltiger Unterschied, verstehst du? Man lächelt über diese Sophistik der Eigenliebe, aber man sollte aus ihr die Folgerung ableiten, daß der Mensch überhaupt nichts Böses tun kann; er kann nur bös wirken.“ (MoE 262) "Bös wirken" im Gegensatz zu "Böses tun" denotiert hier soviel wie "der Mensch ist nur dem Anschein nach böse", und es konnotiert eine Differenz zwischen tun und wirken. Zur Denotation: Wenn der Mensch "immer gut" ist (das entspricht der ontologischen Prämisse; der Mensch ist seinem Wesen nach gut), so kann er "nichts Böses tun", und darin zeigt sich das Handlungsparadox, denn entweder ist der Mensch frei, dann kann er auch böse handeln (was immer das heißen mag), oder aber er kann nur gut handeln, dann ist er nicht frei.

Zur Konnotation: Jemand kann, auch wenn er nachweislich nichts Böses tut, böse wirken, Böses bewirken. Man kann die Differenz zwischen Tun und Wirken auch losgelöst von den ethischen Kategorien darstellen. Wirken läßt sich am besten beschreiben mit der Fähigkeit eines Magneten, der je nach Disposition eines in seinem "Wirkungsfeld" liegenden Gegenstandes diesen anzieht oder abstößt oder gar nicht in Bewegung versetzt, aber in jedem Fall wirkt er, ohne sebst etwas zu tun. (Denke z.B. an die Wirkung eines Plakats, oder an die Wirkung einer schönen Frau; und wird nicht oft genug die Wirkung eines Plakats mit der Wirkung einer schönen Frau erkauft?)

Eine andere Denotation von "wirken" ist "leben". Wenn z.B. gefordert wird, "daß man Ideen-, statt Weltgeschichte leben sollte" (MoE 592), so mit dem Anspruch, wirken zu wollen. Man sollte daraus nicht nur den banalen Schluß ziehen, jeder wolle in seinem Leben etwas erwirken, sondern auch beachten, daß hier von einer Lebensform die Rede ist (im gleichen Kontext wird sie auch als "Essayismus und Möglichkeitssinn" bezeichnet), die Ideen leben oder ausleben, und damit wirken oder etwas bewirken will; das ist aber eine Lebensform, deren grundlegende Möglichkeit das Handeln ist, denn: „alle diese, in ihrer ungewöhnlichen Zuspitzung wirklichkeitsfeindlichen Fassungen, die seine Gedanken angenommen hatten, besaßen das Gemeinsame, daß sie auf die Wirklichkeit mit einer unverkennbaren schonungslosen Leidenschaftlichkeit einwirken wollten.“ (MoE 592) Und darin äußert sich das Handlungsparadox.

 

ad 4: die Differenz zwischen Handeln und Denken

Warum ist es überhaupt notwendig, die Differenz zwischen Handeln und Denken extra zu betonen? Für gewöhnlich ist Handeln eine Sache, und Denken eine andere. Ich könnte hier einwenden: Philosophen denken eben nicht gewöhnlich, aber das könnte jemand als Eitelkeit abtun, wenn nicht überhaupt jemand einwenden würde: Philosophen sind Leute, die sich Probleme spinnen, wo es in Wirklichkeit keine gibt. Allerdings, würde ich dann sagen, ist das kein signifikanter Unterschied zu anderen Menschen, Philosophen spinnen bloß mit einem anderen Bewußtsein. Aber das gehört in den Bereich der Polemik, darum sei nur die Frage erlaubt, ob die Berufung auf den common sense als philosophisches Argument gelten kann. Denn sollte nicht auch eine Einheit von Handeln und Denken möglich sein? Die Wirklichkeit (oder die Gewöhnlichkeit) legt eine solche Vermutung nicht nahe. Beispielsweise sehen sich "die tüchtigen und arbeitsamen Menschen" geradezu "aus Gewissenhaftigkeit gezwungen, anders zu handeln, als sie denken" (MoE 135). Und umgekehrt kann man sagen, "man denkt ja immer anders als man handelt" (MoE 1599). Wenn man aber "nicht anders handeln will, als man denkt, so muß man sich in vielen Fällen damit begnügen, nicht allzu eingehend über eine Sache nachzudenken"

(MoE 137).

Ist das nicht ironisch gemeint? Natürlich, aber welche Funktion hat die Ironie? Sie macht dort ein Problem bewußt, wo es gewöhnlich nicht vermutet wird. Es zeigt sich so die Fragwürdigkeit der völlig selbstverständlichen Trennung von Denken und Handeln. Wie läßt sich diese Trennung aufheben? Entweder durch die Maxime "zuerst denken, und dann handeln" (was natürlich heißt: denke und handle dann demgemäß, und nicht: denke und handle dann wie du willst), oder aber durch das Postulat der Einheit (und Gleichzeitigkeit) von Handeln und Denken.

Man stelle sich eine öde Fließbandarbeit vor und jemanden, der bei seiner immergleichen Tätigkeit voll Konzentration mitdenkt. Das ist doch zum Wahnsinnigwerden! Ist es nicht vielmehr typisch, bei seiner Arbeit an etwas anderes zu denken? Das wirft zwar ein bezeichnendes Licht auf unsere Arbeitsverhältnisse, aber dieses Licht erhellt nicht die Einheit von Handeln und Denken. Vergleiche: einer Arbeit nachgehen, und: in seiner Arbeit aufgehen. Letzteres muß nicht immer das beste sein (dann nämlich, wenn sich die Person in Arbeit auflöst), aber es kann auch Ausdruck für die Überwindung des Gegensatzes zwischen Handeln und Denken sein. Handeln könnte man dann so beschreiben, daß es zur Hälfte aus Tätigkeiten und zur anderen Hälfte aus Möglichkeiten besteht. Die Arbeit (als Paradigma für das Handeln) wird so zu einer Lebensform. Eine Utopie. Natürlich, aber eine Utopie, die realisierbar ist. Denke z.B. an Künstler: komponieren, malen, dichten, Klavier spielen u.v.a., sind Beispiele für das Handeln, das nur ganz realisierbar ist als Lebensform. Das ist allerdings sehr weltfremd, könnte jemand einwenden, wenn nur die schönen Künste zu Handlungen fähig sind. (Aber das ist kein Einwand gegen meinen Handlungsbegriff, sondern ein Einwand gegen unsere Welt.)

Wenn das Denken selbst eine Handlung ist, so muß man es unterscheiden vom Denken als Tätigkeit. Addieren, subtrahieren usw. sind Tätigkeiten - man kann sie wie auf Befehl ausführen. Vergleiche damit das Schachspiel. Das kann auch eine Tätigkeit sein (z.B. ein Zeitvertreib), aber auch eine Handlung (die Einheit von Denken und Ausführung des Gedachten). Zwar ist hier das Ziel eindeutig vorgegeben, aber im Unterschied zum Rechenbeispiel ist der Ausgang völlig offen, denn die Möglichkeiten für ein Schachspiel sind grundsätzlich unbegrenzt. Wie verhält es sich dann, wenn ich mit einem Computer Schach spiele? Ein Computer kann viele Funktionen des Schachspielers ersetzen, aber kann er auch einen Garry Kasparov ersetzen? Was unterscheidet den besten Schachcomputer vom Weltmeister? Auch der größte Computer hat nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten, Kasparov hat grundsätzlich jede Möglichkeit. Man könnte auch antworten: der Unterschied liegt im Genie.

Sind wir da nicht an der Grenze des Wahnsinns angelangt? Auch Moosbrugger setzt jede Möglichkeit, die er sich ausdenkt, in die Tat um. Wenn er denkt, eine Frau bedrohe ihn, so bringt er sie um. Für ihn ist zwar alles denkbar, aber ein entscheidendes Glied in der Denkkette fehlt ihm: die Entscheidung. (Und ist die eigentliche Handlung im Denkprozeß nicht die Entscheidung?) Psychologisch gesagt: Moosbrugger fehlt die Unterscheidungsfähigkeit, Handlung wird in seinem Fall zur Zwangshandlung.“Es ist eine komische Sache. Ein merkwürdiger Unterschied: Der zurechnungsfähige Mensch kann immer auch anders, der unzurechnungsfähige nie!“ (MoE 265) Er kann immer auch anders, das heißt: er kann immer auch anders denken als er handelt (und umgekehrt). Und darin zeigt sich das Handlungsparadox.

Jemand könnte einwenden, das Handlungsparadox entstünde erst, wenn man den Begriff der Möglichkeit universal anwenden will. "Das Handlungsparadox ist ein Problem, das erst entsteht, wenn du gegen die Wand rennst, die du selbst aufgestellt hast", könnte B einwenden, und A könnte antworten: "Aber die Möglichkeit ist unhintergehbar. Egal ob ich von Realität oder von Freiheit rede, immer ist die Möglichkeit davon impliziert." B müßte hier kritisch einwenden: "Woran erkennst du das?" Und wenn A darauf nicht sagen würde, "so denke ich eben", so würde das Gespräch in konzentrischen Kreisen rund um die Begriffe von Handeln und Möglichkeit weiterlaufen.

Man kann den Begriff der Möglichkeit natürlich hinterfragen, man kann ihn umgekehrt aber auch als unhintergehbar setzen, beispielsweise mit dem Hinweis, daß wir uns in einem Zirkel von Möglichkeit und Wirklichkeit befmden, den wir nicht einfach verlassen können. Und was ist damit gewonnen? Ein Spiegel. Das Handlungsparadox ist ein Spiegel, der reflektiert, was uns tatsächlich im Alltag, oder in der Politik, oder in der Philosophie (und in vielen anderen Bereichen) begegnet. Betrachten wir als Paradigma für das Handlungsparadox:

1. den Alltag

2. die Politik (insbesondere die der Grünen)

3. die Philosophie

ad 1:

Nehmen wir als Beispiel das Alltagsproblem Ehe. Was ist die Ehe? Eine Institution. Eine Beziehung. Das Ende einer Beziehung. Ein heiliges Sakrament. Ein Rückzug ins Private. Die Summe vieler Tätigkeiten. Die Unterlassung vieler Handlungen. Das Ganze des Handelns. Eine Lebensform. Ganz allgemein: die Ehe ist ein Problem (das ist keine philosophische Behauptung, sondern eine empirische Beobachtung). Darf man die empirische Beobachtung aber auf diese Weise verallgemeinern? Diese Verallgemeinerung soll die Ehe nicht grundsätzlich definieren, sondern ein alltägliches Handlungsparadox bezeichnen. Wer kennt nicht das Phänomen, daß ein periphäres Problem in der Ehe das Problem der Ehe wird? Angenommen A geht gern aus, aber B bleibt augenblicklich lieber zuhause. Das Beispiel ist doch banal (natürlich ist es banal, und genauso gut könnten dafür beliebig viele andere Banalitäten stehen), heute sind die Leute doch schon so aufgeklärt und emanzipiert, könnte jemand feststellen, daß A auch allein ausgehen kann, wenn B keine Lust hat. Und was passiert, wenn A einmal darauf beharrt, daß B mitkommen soll, aber B beruft sich auf den angedeuteten Standpunkt? A wird B vorwerfen: "du liebst mich nicht", worauf B antworten könnte: "gerade weil ich dich liebe, hab' ich nichts dagegen, daß du allein gehst" .

A: "Ein schöne Liebe, wenn es dich überhaupt nicht interessiert, an mir teilzunehmen."

B: "Ich nehme Anteil an dir, auch wenn ich an einzelnen deiner Interessen nicht teilnehme."

A: "Dann beweise mir auch einmal, daß du Anteil nimmst, und rede nicht immer nur davon."

B: "Wie sollte ich meine Anteilnahme ausdrucken, wenn nicht durch das Verständnis, das ich deinen Wünschen entgegenbringe?"

A: "Wann hast du schon Verständnis für mich? Vielleicht solange ich deine Ruhe nicht störe. Aber sollte ich dich einmal brauchen, dann ziehst du dich zuruck in dein Schneckenhaus, das du Verständnis nennst."

B: "Mein Verständnis ist kein Schneckenhaus, ganz im Gegenteil, ich bin offen für alles, aber ich will nicht bei jedem Blödsinn dabeisein."

A: "Es ist also Blödsinn, was ich mache!? Das ist deine typische ... usw."

Es ist keine Frage, daß das Problem auch aufs Tapet gebracht worden wäre, wenn B mitgekommen wäre. Dann hätte A vielleicht das Gefühl gehabt, B unterhalte sich nicht gut, was bei A wiederum die Stimmung gedämpft hätte, usw. Man könnte sagen, das vordergründige Problem sei nur Anlaß für ein tieferliegendes Problem. Aber graben wir uns in die Tiefe, so werden wir auch unter dem tieferliegenden Problem ein noch tieferliegendes finden. Wir bleiben daher beim "Oberflächenproblem" und fragen vielmehr, warum gerade dieses Problemmuster immer wieder auftaucht, obwohl man sich gegenseitig alle Möglichkeiten zugesteht.

Die Seelsorgeantwort auf dieses Paradox lautet: man muß sich eben aussprechen. Aber wer ist zu dieser Handlung noch fähig? Das Gesprächsgeschehen (dieses häßliche Wort soll die bezeichnete Interaktion von einem Gespräch unterscheiden, das man als Handlung bezeichnen könnte) verläuft in einem solchen Fall auf immer demselben Gleis (und endet meist auf einem Abstellgleis), Aber warum passiert das immer wieder? Das ist ja gerade das Paradoxe daran.

 

ad 2:

Politisches Handeln könnte man als Idealfall des Handelns bezeichnen. Politiker haben als gewählte Abgeordnete die Möglichkeit (aber auch die Macht - sind Möglichkeit und Macht hier synonym?) die ihnen verliehene bzw. geliehene Freiheit zu realisieren, und auch die Wirklichkeit von vielen Zwängen zu befreien. Aber hört man Politiker öffentlich reden (z.B. Auf Podiumsdiskussionen - etwas Anderes sind Wahlveranstaltungen) so vermitteln sie das Gefühl, daß ihnen Hände und Füße gebunden seien, und ein beliebtes Bekenntnis lautet: ohne unsere Wähler können wir gar nichts erreichen. Das meinen sie vor allem mit Bezug auf ihre Möglichkeit zu Handeln, das trifft aber vor allem in bezug auf ihre persönliche Karriere zu.

 Sind Politiker grundsätzlich frei, weil sie frei gewählt wurden, oder sind sie von vornherein unfrei, weil sie ihren Wählern, Lobbies oder anderen Sachzwängen verpflichtet sind? Wenn man es empirisch untersuchen würde, wäre die Antwort klar. Aber warum sind Politiker (fast) immer Sachzwängen verpflichtet und nicht der Freiheit, die ihrer Möglichkeit entspricht? Man soll solche Fragen nicht spekulativ beantworten, darum wählen wir als Beispiel den parteiinternen Konflikt der Grünen. Seit ihrem Bestehen streiten sich in dieser Partei die sogenannten Realos mit den sogenannten Fundis. (Daß es mittlerweile die Gruppe der Neutralos gibt, kann man außer acht lassen, denn sie sind keine Synthese der beiden Gegensätze, sie sind auch nicht der große Körper zwischen zwei kleinen Flügeln, sondern sie sind einfach die Gruppe, die schon genug hat von der ewigen Streiterei.) Der Streit begann damit, daßjeder nur das Beste wollte, und somit alle das Gleiche wollten. Die Grundstimmung der Grünen war (und ist): jetzt reicht's. Die Grundsatzerklärung der Grünen war (und ist): jetzt nehmen wir die Probleme selbst in die Hand - jetzt handeln wir. Aber gerade im radikalen Anspruch zu handeln liegt auch die Wurzel dafür, daß die Grünen oft handlungsunfähig sind: die Fundis stellen an ihr Handeln besonders die Forderung, daß es in Freiheit geschehen muß, daß es ihre Unabhängigkeit fundamental gewährleisten muß. Die Realos stellen an das Handeln besonders die Forderung, daß es realisierbar sein muß, daß es der gegebenen Wirklichkeit angemessen sein muß. Beide Gruppe sehen in ihrem Anspruch die Möglichkeit zu einer alternativen Politik, die Möglichkeit wirklich zu handeln. So manifestieren sich die beiden Pole des Handlungsbegriffs bei den Grünen, und im Konflikt, der daraus resultiert, zeigt sich das Handlungsparadox.


ad 3:

Philosophen sind Denker, das Handeln sollen sie den Praktikern überlassen. Dieses Vorurteil ist so gängig wie die Trennung von Handeln und Denken selbst. Warum? Die Frage, was soll ich tun? ist eben eine philosophische Frage, und verlangt eine Ethik als Antwort. Indem Philosophen über diese Frage nur nachdenken übersehen sie von Anfang an einen wesentlichen Aspekt dieser Frage. Was soll ich tun? ist auch eine praktische Frage, und verlangt daher eine Handlung als Antwort. Wenn das Denken selbst - wie gefordert - eine Handlung ist, dann dürfte dieser Widerspruch nicht mehr bestehen. Aber wann ist das Denken eine Handlung? Philosophieren ist eine Tätigkeit, solange es zielgerichtet ist, z.B. auf das Ziel gerichtet, Sätze zu verifIzieren oder zu falsifizieren, oder auf das Ziel, Systeme zu errichten oder zu zerstören. Philosophie ist dann die Konstruktion von Ismen und Antiismen. Und was wäre die Alternative? Ein Chaos von Gedanken? Willkür in der Argumentation? Indem Ismen mit philosophischer Autorität konstituiert und situiert werden, übersieht man leicht das arbiträre und artifizielle Element, das jedem Konstrukt innewohnt. Die Konstruktion eines Ismus könnte durchaus eine Handlung sein (so wie das Setzen eines normativen Gesetzes), aber der Diskurs darüber wird meist zu einer monotonen, linearen Tätigkeit (vergleiche diesen Diskurs mit der Exekution eines Gesetzes, so zeigt sich seine volle Problematik). Denken muß aber keine lineare Tätigkeit sein, es könnte auch eine kreative Handlung sein. Der Philosoph gibt dann auf die Frage, was soll ich tun? keine Antwort aus dem Fundus seines philosophischen Wissens, oder gar aus der Höhe seiner absoluten Wahrheit, sondern er kreiert eine Antwort aus dem Kontext desjenigen und gemeinsam mit demjenigen, der ihm die Frage gestellt hat. Hatte nicht schon Nietzsche die Idee, daß Philosophen Künstler sein sollten? Vielleicht hat Nietzsche diese Idee kreiert, ganz sicher haben schon viele Philosophen über diese Gedanken nachgedacht - aber wer hat sie schon realisiert? (Und könnte man diese Frage beantworten, so müßte man auch das Handlungsparadox auflösen können.)

Mit Ulrich zeigt Musil ein anderes Paradigma für das Handlungsparadox. „Ulrich fühlte, daß ein Mann, der etwas mit ganzer Seele tun möchte, auf diese Weise weder weiß, ob er es tun, noch ob er es unterlassen soll.“ (MoE 255) Diese Stelle findet sich im Kapitel "Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus". Hier werden explizit die praktischen Konsequenzen des Essayismus bzw. Möglichkeitssinns angesprochen. "Etwas mit ganzer Seele tun" steht als Metapher für "handeln"; man könnte auch sagen: wer aus dem Ganzen seiner Möglichkeiten handeln will, erlebt die Unmöglichkeit zu handeln, verliert die Möglichkeit (den Begriff) des Handelns. Das Nichtwissen, ob man es tun oder unterlassen soll, ist hier nur zum Teil erkenntniskritisch gemeint, es ist vor allem der Hinweis auf eine existentielle Ratlosigkeit. Und diese Ratlosigkeit beim Verlust des Handlungsbegriffs verweist wiederum darauf, daß Handeln wesentlich zum Begriff des Menschen gehört (eine existentielle Bestimmung des Menschseins ist). Es gibt zum Handlungsparadox nicht die Alternative: man muß sich eben entscheiden. (Was ist denn die Entscheidung - wenn man sie nicht psychologisch, sondern philosophisch betrachtet - anderes, als eine Handlung?) Das Handlungsparadox kann auch nicht durch "mehr Willenskraft" überwunden werden. Im Gespräch mit Diotima sagt Ulrich in diesem Sinne: "niemand würde, auch wenn er könnte, verwirklichen, was er will" (MoE 288). Das Handlungsparadox würde offen zutage treten, wenn "zum Beispiel über die Katholiken das Gottesreich hereinbräche oder über die Sozialisten der Zukunftsstaat" (MoE 288). Deshalb ist das Handeln immer zielgerichtet, und wer kein klares Ziel vor Augen hat, der kann auch nicht handeln, könnte jemand daraus folgern. Das entspricht der Meinung, Handeln sei nur möglich, wenn dem Handeln ein eindeutiger Standpunkt zugrunde liege. Aber ist Handeln mit einer eindeutigen Zielrichtung noch frei? (Man könnte sagen: die zugrundeliegende Entscheidung ist frei. Aber welche Entscheidung ist nicht zielgerichtet, oder sogar am Ziel einiger weniger ausgerichtet?) Und warum verliert man gerade dann die Möglichkeit zu handeln, wenn man sein Ziel erreicht hat? Oder verliert man dann bloß die Möglichkeit, etwas zu tun? Man verliert die Möglichkeit selbst. Mit dem Begriff der Möglichkeit verliert man aber auch den Begriff des Handelns, noch bevor man in das Handlungsparadox geraten ist.

 

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