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6.5.2015 - Wie die Friedens- und Ökologiebewegung in den 1980er Jahren sukzessive alle Gesellschaftsschichten erfasst hat, so zieht die Kritik des real existierenden Kapitalismus heute immer weitere Kreise. Der Philosoph Herbert Giller gehört dabei zu den herausragenden Köpfen, meint a3ECO-Autor Hubert Thurnhofer. (Erschienen in der Rubrik Wirtschaftsethik der Unternehmerzeitschrift a3eco / A3 ECO, Ausgabe 3-4/2015 am 5.3.2015)

 

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Foto: Herbert Giller, Illustration: Ernst Zdrahal

 

Schon 1976 legte Herbert Giller ein Buch vor, in dem er ein System radikal in Frage stellte: „Was kommt nach dem Kommunismus?“ Danach dauerte es 13 Jahre bis die Berliner Mauer fiel und die Geschichte diese Frage beantwortet hatte. Wie der Kapitalismus die Weltherrschaft übernehmen und welche Entwicklung er ohne geopolitische Korrektive und Regulative nehmen würde, konnten Philosophen, Soziologen und Politologen vor vierzig Jahren allerdings noch nicht vorhersehen.

 

Herbert Giller ist Systemkritiker geblieben und hat seine Analysen und Thesen in einem neuen Buch zusammengefasst: „Was kommt nach dem Kapitalismus? Das moralisch-solidarische Mainifest.“ Der Untertitel des Buches ist gleichzeitig die Quintessenz von Gillers Vision einer moralisch-solidarischen Gesellschaft. Sein Weltbild fasst er in eine Struktur von drei Ebenen, in die der Mensch als Individuum und die Menschheit als Ganzes eingebettet sind. An der Spitze steht die spirituelle Ebene mit geistigen Werten, die ihren Ausdruck in Religion und Ethik finden. Auf der dritten Ebene finden sich die materiellen Werte und Güter, die von der Wirtschaft geschaffen, transformiert und verteilt werden. Dazwischen steht der Mensch, der beide Ebenen verbindet und durch politische Mittel und Prozesse organisiert.

 

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Vom Autor der Rubrik WIRTSCHAFTSETHIK in der Unternehmerzeitschrift a3eco

 

„Die sinnvolle Ordnung besteht darin, dass die Politik von der übergeordneten Ebene geleitet wird, dass also ethische Prinzipien wie Gerechtigkeit, Korrektheit, Ehrlichkeit, Anständigkeit und Interesse am Gemeinwohl das politische Handeln bestimmen. … Wenn man die heutige Welt betrachtet, kommt man zu dem Schluss, dass die Hierarchie der Ebenen genau auf den Kopf gestellt ist. Die Politik wird von der Wirtschaft beherrscht und nicht umgekehrt.“ So weit in aller Kürze die Bestandsaufnahme des Philosophen. Giller vermeidet sophistische Endlosdiskussionen (etwa Fragen wie: Was bedeutet Erhlichkeit, Anständigkeit, usw...?), sondern stützt sich auf die von den meisten Staaten anerkannte Deklaration der Menschenrechte als ethisches Fundament. Darauf aufbauend analysiert er die Fehlentwicklungen des bestehenden Wirtschaftssystems, des real existierenden Kapitalismus.

 

„Die meisten Akteure glauben, dass die Erlangung von Profiten der Hauptzweck der wirtschaftlichen Tätigkeit sei. Das ist aber ein fataler Irrtum. … Ganz im Gegenteil – je weniger egoistisch die Wirtschaftsteilnehmer agieren, desto größer wird die allseitige Zufriedenheit sein.“ Giller unterscheidet zwischen Gewinn, der für ein gesundes Unternehmen notwendig ist um in weitere Innovationen investieren zu können, und dem Profit, der als „zwanghafter Drang“ die Unternehmen antreibt mit dem einzigen Ziel der Profitmaximierung. Dem hält der Philosoph eine simple, aber offenbar in Vergessenheit geratene Wahrheit entgegen: „Zweck der Wirtschaft ist die Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen.“

 

Finanzmarkt: Regulierung ist zu wenig

 

„Das Geld regiert diese Welt“, konzediert Herbert Giller, „aber ermbärmlich schlecht und ungerecht.“ So wie der WU-Professor Franz Hörmann („Das Ende des Geldes“) meint auch der Philosoph, „dass diese virtuelle Größe in unserem Wirtschaftssystem wie eine reelle Handelsware betrachtet wird, ist ein schwerwiegender Fehler.“ Er kritisiert das Zins- und Zinseszinssystem als moralisch falsch und verwerflich und fordert in aller Härte: „Die Finanzmärkte gehören nicht reguliert, sondern ersatzlos gestrichen. Sie erschaffen nichts, was die Menschheit in irgendeiner Form brauchen könnte. Sie besitzen keinerlei sozialen und menschlichen Wert...“ Einen besonderen Aspekt in der Beziehung zwischen Schuldner und Gläubiger hebt Giller aus ethischer Sicht hervor. „Der Schuldner ist also schuldig, mit Schuld beladen und daher der Böse, der Gläubiger hingegen ist gläubig und daher der Gute. In den meisten Fällen ist es aber genau umgekehrt.“

 

Ähnlich wie das Geld darf in einer moralisch-solidarischen Gesellschaft auch Arbeit keine Ware sein. Giller bricht auch bei den Begriffen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit dem üblichen Sprachgebrauch: „Das klingt so, als ob der Arbeitgeber ein edler Spender wäre, der seinem Mitmenschen Arbeit und damit Brot und Leben gibt. Das ist aber völlig anders. Es ist der Arbeitnehmer, der seine Arbeit hergibt...“ Historisch sieht Giller den Arbeitsplatz als „Eigentum des Menschen am Menschen“ in direkter Abfolge und als moderne Variante von Sklaverei und Leibeigenschaft. „Den Menschen ist gar nicht bewusst, dass es sich bei den heute üblichen und rechtlich gedeckten Arbeitsverhältnissen um den letzten Ausläufer der Sklaverei handelt.“

 

Herbert Giller hat einleitend sanfte Töne angeschlagen, die oberflächliche Kritiker vorschnell als naiven Idealismus auslegen könnten, wenn er meint, es sollten „ethische Prinzipien in der Wirtschaft Einzug nehmen und verhindern, dass das wirtschaftliche Handeln einen für die Gemeinschaft schädlichen Weg einschlägt“. Hier zeigt er jedoch, dass er auch bereit ist Menschen mit ihren Denkgewohnheiten vor den Kopf zu stoßen. Damit gelangen wir zur Frage, welche Konsequenzen der einzelne Mensch und insbesondere ein Unternehmer aus Gillers Kapitalismus-Kritik ziehen soll.

 

Praktische Anwendbarkeit

 

Natürlich sieht der Philosoph, dass einem Unternehmer im heutigen Wirtschaftssystem enge Grenzen gesetzt sind, denn „moralisches Verhalten in der Wirtschaft wird einfach nicht entsprechend honoriert, während viele unmoralische Handlungsweisen rechtlich voll gedeckt sind und höhre Profite ermöglichen.“ Durch den „zwanghaften Drang nach Profit“ würde beispielsweise gerechter Lohn für alle Mitarbeiter ein Unternehmen schnell in den Ruin treiben, weil es nicht lange konkurrenzfähig wäre. Deshalb werden auch Wettbewerb und Konkurrenzkampf von Giller als „heilige Kühe“ des Kapitalismus geschlachtet. Doch letztlich soll der materialistische Egoismus nicht von einem naiven Altruismus abgelöst werden, sondern durch „die Ausgewogenheit von Eigenvorsorge und Dienst an der Gemeinschaft, hier als Solidarität bezeichnet“.

 

Aus der Kritik an der heute üblichen Lohnabhängigkeit und seiner philosophischen Überzeugung „der Mensch ist ein selbstbestimmtes Wesen mit Wert und Würde“, leitet Herbert Giller die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ab, denn Arbeitslosengeld ist „nur ein Placebo, ein Mäntelchen zur Verharmlosung der grausamen Realität.“ Dabei setzt er voraus, dass kein Mensch auf Dauer untätig rumhängen will, sondern jeder Mensch eine sinnvolle Beschäftigung sucht. Diese finden sich jedoch auch außerhalb der heutigen Arbeitswelt, insbesondere im Sozial-, Kultur- und Kreativbereich. Die wachsende Zahl von EPUs (Ein-Personen-Unternehmen), die den steinigen Weg des Unternehmers gehen, bestätigt dieses Menschenbild.

 

25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es zahlreiche Systemerhalter, die vom globalen, grenzenlosen Kapitalismus profitieren. Es ist logisch, dass sie schützende Mauern rund um ihr System errichtet haben. Dass diese Profiteure den real existierenden Kapitalismus für „alternativlos“ halten, erinnert an die Denkweise der Systemerhalter in den letzten Jahre der DDR. Auch wenn sich das System kurzfristig nicht ändert, lehnt Giller das Floriani-Prinzip ab und fordert, „dass wir alle grundsätzlich bei uns selbst anfangen müssen, die entscheidenden Weichen zu stellen, ohne uns darum zu kümmern, was der Nächste macht. Mit dem Floriani-Prinzip kommen wir nicht mehr weiter...“ Es ist nicht leicht, Gewohnheiten aufzugeben. Der erste Schritt besteht aber darin, Denkgewohnheiten zu hinterfragen und wenn nötig über Bord zu werfen. Dabei hilft uns Herbert Giller.

 

Fazit

 

Das Buch von Herbert Giller ist ein ausführlicher Kommentar zu seinem philosophisch verdichteten „Tractatus socio-oeconomicus“, einem „Aufruf zur Welt-Evoloution“ - bewusst kontrastiert gegen den Aufruf zur Welt-Revolution des Kommunistischen Manifestes. Der Philosoph verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und verfällt nie in die Versuchung, aus einer Idee eine eigene Ideologie zu entwickeln. So sieht er sein Werk auch nicht als abschließende Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit, sondern als Anstoß zum Mitdenken und Nachdenken. Dazu lädt er auf seiner Plattform www.moralsolid.net ein, wo sein Buch auch kostenlos als pdf verfügbar ist.

 

 

Ergänzung November 2017: Ein gelungenes Projekt der Gemeinwohlwirtschaft in Andalusien. "In Marinaleda ist alles in Genossenschaften organisiert, die zusammenarbeiten und den Menschen einen sicheren Arbeitsplatz verschaffen. Die Geschichte der Genossenschaften ist eine Geschichte des Widerstands, eine Geschichte, die in der heutigen Zeit Mut und Hoffnung spenden kann" berichtet MutterNatur.net

 

Ergänzung 27.5.2015 FORMAT (21/2015 vom 22.5.2015) stellt zwei Bücher vor, die "aus dem Innenleben eines kranken Finanzsystems" berichten. UNTER BANKERN, das Buch des niederländischen Journalisten Joris Luyendijk "liefert eine Innenansicht der Finanzwelt und besichtigt die Spezies der Banker mit nahezu anthropologischem Blick." Laut FORMAT kommt der Autor zu dem Schluss: "Nicht der Mensch Banker ist verkommen, sondern das System".

"Eine Aussage, die der Bonner Day Trader Volker Handon mit seinem Band über DIE PSYCHOTRADER deutlich unterstreicht. Er sei ein Spieler und in einer Zeit, als Börsenhändler noch ganz selbstverständlich als Spekulanten bezeichnet wurden, in seinem Job mit großem Vergnügen seinem Spieltrieb gefolgt", berichtet FORMAT.

 

Siehe auch Kapitalismuskritik von Heiner Geißler (2011):  "... ein solches System muss ersetzt werden durch eine neue Wirtschaftsordnung." Details auf youtube.com

 

Ebenfalls lesenswert: Die Bücher von Richard Senett: "Der flexible Mensch" und "Die Kultur des neuen Kapitalismus". Details siehe wikipedia.

 

Siehe auch: Plädoyer für ein Grundeinkommen, erschienen in "Die bunte Zeitung", Oktober 2009

 

 

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