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22.5.2015 - Start-ups sind, 15 Jahre nach dem New Economy Hype, wieder in. Gestandene Unternehmer der Old Economy suchen nach den „erfolgversprechendsten“ Geschäftsmodellen. Die superlativsten Ansprüche sind geblieben, das verstellt den kritischen Blick auf die „erfolgversagendsten“ Perspektiven eines Start-ups, meint a3ECO-Autor Hubert Thurnhofer. (Erschienen in der Rubrik WIRTSCHAFTSETHIK der Zeitschrift a3ECO, Ausgabe 6/2015)

 

Zdrahal StartUP500

Illustration: Ernst Zdrahal mit Fotos von links Bernd Greifeneder (dynatrace) und Roman Scharf (Jajah)

 

Kaum drei Monate am Markt, noch keine Kunden, dafür schon Weltmarktführer. Wenn schon nicht mit einem eigenen Produkt, so zumindest mit der Neuerfindung einer Branche oder einer Dienstleistung, die via Internet die Welt erobern sollte. Das war New Economy um die Jahrtausendwende. Nach dem Platzen der dotcom-Blase sind Investoren vorsichtiger geworden, doch heute geht es wieder um möglichst schnelles Umsatz- oder Kundenwachstum bei den Start-ups und möglichst hohe Gewinne der Investoren in möglichst kurzer Zeit zwischen Entry und Exit.

 

Österreichs Star in der schönen neuen dotcom-Welt war Yline, die Internet-Quetsche von Werner Böhm. Yline war nach Eigendarstellungen zuerst eine führende E-Comerce-Plattform und kurz vor dem Börsengang ein führender Internet-Provider. Im November 1999, nur ein Jahr nach Unternehmensgründung, schaufelte Böhm an der Brüsseler EASDAQ 19 Millionen Euro ins Unternehmen. Im März 2000 begann der Yline-Kurs bereits stark zu bröckeln. Als Ablenkungsmanöver wurde ein Bauchladen von Tochterbetrieben zusammen gekauft und sogar das Gerücht gestreut, dass eine Übernahme von A-Online geplant sei.

 

Um seine Story hochzujubeln leistete sich Böhm teure Berater, u.a. die PR-Agentur Publico. Als Chefredakteur der Nachrichtenagentur pressetext war ich im Jahr 2000 der einzige Journalist, der kritisch über Yline berichtete. Das verschaffte mir einen Anruf von Publico-Chef Wolfgang Rosam höchst persönlich, der mir andeutete, ich könnte noch Schwierigkeiten bekommen, sollte eine weitere Kapitalerhöhung platzen. Am 25. September 2001 meldete Yline Insolvenz an. Bis heute sind die Prozesse rund um die Yline-Pleite eine never ending story. Pointe am Rande: wer die Domain yline.com abruft wird auf a1.net weiter geleitet.

 

Von Rosam hab ich nichts mehr gehört, die Androhung einer Unterlassungsklage brachte mir ein kleinerer Fisch: Roland Fleischhacker, Gründer der „Erlebnissuchmaschine“ Lovo.cc. Seine Geschäftsidee: User registrieren sich mit ihren Vorlieben auf Lovo.cc. Wenn Sie dann von unterwegs eine SMS mit der Postleitzahl eines beliebigen österreichischen Ortes senden, so erhalten sie ein Reply mit den nächst gelegenen Shopping-, Gastro und Kultur-Angeboten, zugeschnitten auf die Interessen des Users. Anfang 2008, ziemlich genau zu der Zeit als das erste iPhone auf den österreichischen Markt kam, versuchte ich als PR-Berater den Geschäftsführer von einer effizienteren Content-Strategie zu überzeugen. Mangels Erfolg legte ich nach wenigen Monaten mein Mandat zurück. 2009 schlitterte der SMS-Dienst Lovo.cc in Konkurs. Warum? Das darf ich hier nicht sagen!

 

Aber ich zitiere aus dem Schreiben von Fleischhackers Anwalt, in dem mir (wohl unbeabsichtigt) das Zeugnis des mächtigsten SEO-Meisters aller Zeiten ausgestellt wurde: „Unser Mandant musste feststellen, dass sich auf Ihrer Website www.thurnhofer.cc … Ihr mit 8. Juli 2009 datierter Artikel mit dem Titel „Warum Lovo.cc in Konkurs gegangen ist“ befindet und daher öffentlich abrufbar ist. Sie haben die Seite überdies so eingerichtet, dass diese bei einer Google-Suche mit der Eingabe „Roland Fleischhacker“ als erster Treffer aufscheint. Der von Ihnen verfasste Kommentar beinhaltet mehrere objektiv unzutreffende Aussagen und beeinträchtigt dadurch die (sic!) wirtschaftlichen Ruf unseres Mandanten. Ursache für den Konkurs der Lovo.cc ist keinesfalls die von Ihnen behauptete, misslungene Umsetzung der geschilderten Geschäftsidee gewesen, sondern eine davon völlig unabhängige Nichteinigung mit dem wichtigsten Financier.“ Gezeichnet Dr. Felix Daum, Wien, am 18. Oktober 2012.

 

Milliarden-Deals

Im April 2014 erregte die Übernahme von Whatsapp die Gemüter. Ein Oldie wie ich erinnert sich dabei an die besten Zeiten der dotcom-Blase. Für geplante 19 Mrd, am Ende sogar für 21,8 Mrd Dollar hat facebook den Instant Messaging-Dienst WhatsApp übernommen. Damit übertrumpfte facebook den Konkurrenten google, der drei Monate vorher Nest, einen Hersteller von vernetzten Thermostaten, um 3,2 Mrd Dollar übernommen hatte. Von August 2014 bis April 2015 stieg die Zahl der aktiven Whatsapp-User von 600 auf 800 Millionen. Rechtfertigt das ein Milliarden-Investment in ein Unternehmen mit einem Halbjahresverlust (2014) von 232 Mio Dollar?

 

Warum zahlen facebook und google Milliarden für Start-up-Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern? Die Ideen dieser Services sind nicht neu und grundätzlich nicht patentierbar, die Technologien könnten google und facebook mit ein paar talentierten, gut bezahlten Technikern und ein paar Millionen Dollar aus der F&E-Portokassa in kürzester Zeit selbst nachbauen. Ich kann dazu nur drei Vermutungen anstellen:
1. Weil facebook, google & Co den Börsianern immer wieder mal ihre Potenz demonstrieren müssen. Alle Player auf dem Börsenbarkett glauben wohl an den Satz: wer Milliarden sät wird Milliarden ernten.
2. Weil das Geld „in der Familie“ bleibt. Es landet (bis auf einen kleinen Bruchteil) nicht in der Privatkasse der Gründer, sondern  auf einem Konto des übernommenen Unternehmens, über das facebook bzw.google als Neoeigentümer umgehend wieder verfügen. Der „Deal“ besteht genau genommen in der Übenahme von ein paar neuen Mitarbeitern, die mit facebook-Aktien überschüttet werden, und der Einrichtung eines neuen Kontos im erweiterten Konzern.
3. Facebook, google und Co. lukrieren aus derartigen Transaktion sicher ein paar klitzekleine Steuervorteile.

 

Start-ups made in Austria

Österreichichische Gründer, Investoren und Medien versuchen auf den neuen Hype aufzuspringen. Das aktuelle Revival wird nicht nur von medialem Interesse begleitet, sondern sogar von Medien getragen. Bei der Puls4 Start-up-Show „zwei Minuten, zwei Millionen“ mit Hans Peter Haselsteiner in der Jury, sind jüngst 32 Kandidaten angetreten. Die dritte Staffel für Anfang 2016 ist in Vorbereitung. Dabei ist der Titel eine Mogelpackung, denn es gibt unter den Kandidaten keinen Millionen-Gewinner, sondern Einzelinvestments der Juroren von über einer Mio Euro und zusätzlich den  Werbewert der Show selbst, den Puls4 mit einer Mio Euro beziffert.

 

„Die besten Start-ups Österreichs“ ist die Titel-Story der Mai-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins trend. Hier wird auch enthüllt, wieviel Haselsteiner in seine Puls4-Favoriten investiert hat: „in Summe 308.000 Euro in acht Start-ups“. Nicht nur die Höhe der Einzelförderungen, sondern auch die Firmennamen lassen vermuten, dass Haselsteiner durchschnittlich 38.500 Euro wohl eher unter sozialem Engagement denn unter Investment verbucht hat: HoppeBox (Jausen-Aufbewahrung), Topfreisen (Asylbewerber kochen Essen), FromAustria (Produkte aus Österreich), Scoot & Ride (Sitzroller für Kids und Teenager), ThinKing (Papiermöbel), Senitec (Blinker für mehr Sicherheit im Straßenverkehr), Kaahee (Lifestyle-Drink) und Joadre (Modelabel der Menschenrechtsaktivistin Joana Adesuwa Reiterer).

 

Deals made in Austria

Die trend-Schwester Format widmet ihre Ausgabe vom 8. Mai der „Gründer-Fabrik“ Speedinvest von Oliver Holle. Abgebildet mit aufgekrempelten Ärmeln – so sieht sich der typische Business-Angel, der, anders als der gute, alte Onkel mit Krawatte und steifem Sakko, bereit ist anzupacken, wenn dies bei den getätigten Investments erforderlich ist. Holle hat Gründer-Erfahrung, sein Startkapital für Speedinvest konnte er aus dem Verkauf  von 3United lukrieren. 2006, nur zwei Jahre nach dem Zusammenschluss dreier SMS-Service-Provider wird 3United um 55 Millionen Euro an den US-Konzern Verisign verkauft. Zwei Jahre später interessiert sich Verisign nicht mehr für die Sache und stößt die Anteile, angeblich an einen Investor aus Niederösterreich, wieder ab. 3United ist mittlerweilevon der Bildfläche verschwunden. Doch Holle kämpft unermüdlich weiter und hat für seinen Investmentfonds Speedinvest II bereits 65 Mio Euro eingesammelt. Beachtlich für österreichische Verhältnisse, aber zu wenig für die internationale Liga.

 

Ähnlich ist es Jajah ergangen. Roman Scharf und Daniel Mattes sind 2005 als Herausforderer von skype in den Ring der IP-Telefonanbieter gestiegen und konnten noch im Gründungsjahr den US-Investor Sequoia Capital an Land ziehen. Umgehend machten Gerüchte von einem geplanten Börsengang die Runde. Die beiden Jungunternehmer übersiedelten von Wien nach Menlo Park und Journalisten jetteten hinterher. Zurück in Österreich servierten sie ihren Lesern umfangreiche Fotoreportagen von Jajah mitten im Silicon Valley. Wieviel Sequoia in Jajah investiert hat, wurde nicht bekannt, wieviel Sequoia beim Exit verdient hat, hingegen schon. Ende 2009 übernahm Telefonica Jajah um 209 Mio Dollar (damals 145 Mio Euro). Anfang 2013 meldetet Telefonica, dass Jajah eingestellt werde. Roman Scharf hat von den Medien offenbar die Nase voll und will keine Auskunft über sein Leben nach Jajah geben, Daniel Mattes will mit dem Handy-Bezahlservice Jumio das nächste große Ding durchziehen.

 

Mattes neue Firma Jumio residiert in Palo Alto. Wer mit seinen Services den weltweiten Rollout plant, kommt an Amerika nicht vorbei. Diesen Leitsatz haben die Gründer der Linzer Softwareschmiede dynatrace von Anfang an befolgt. Da das Thema Application Performance Management (APM) ein bisserl sperriger ist als Telefonieren via Internet, ist den Massenmedien entgangen, dass dynatrace die wohl steilste Story der österreichischen Start-up-Szene der vergangenen zehn Jahre ist. Einfach erklärt geht es bei APM darum festzustellen, wo bei verteilten Transaktionen (z.B. bei gleichzeitig tausenden Zugriffen auf ein E-Commerce-Portal) die Ursachen von Performance-Schwächen liegen. Softwarefehler in Millionen von Code-Zeilen zu suchen, würde Tage oder Wochen dauern, dynatrace setzt digitale „Softwareagenten“ an die richtigen Knoten und findet die Engpässe in wenigen Stunden.

 

Im Februar 2007 beteiligte sich Bain Capital Ventures aus Boston mit rund sechs Mio Dollar an der  Linzer Firma, die zweite Finanzierungsrunde folgte im Juli 2008: 12,9 Mio Dollar investierte Bay Partners. Danach machte sich der Gründer und bis heute CTO, Bernd Greifeneder, auf die Suche nach einem CEO, den er schließlich in John van Siclen fand. "John ist absolut der richtige Leader, um dynaTrace auf die nächste Ebene zu heben", sagte Greifeneder damals, und er sollte Recht behalten. Im Juli 2011 erfolgte der Verkauf von dynatrace an den US-Computerkonzern Compuware um 256 Millionen Dollar! Mit den Worten „in Österreich fehlt es an Mut und Schlagkraft“ zitierte „Der Standard“ Bernd Greifeneder nach Abschluss dieses Deals.

 

Es war klar, dass dynatrace von Compuware inhaliert wird, doch dynatrace wurde immerhin als Produktname weiter geführt. Im September 2014 übernahm Thoma Bravo die Compuware AG für 2,5 Mrd. Dollar. Es stellte sich bald heraus, dass die Investment-Firma in dynatrace das wesentliche Asset von Compuware gesehen hat. Schnell wurde dynatrace wieder aus Compuware ausgegliedert in eine eigenständige Gesellschaft mit weltweit 1.600 Mitarbeitern unter der Leitung des alten und neuen CEO John van Siclen. Und CTO  Bernd Greifeneder entwickelt von Linz aus, wo er vor zehn Jahren mit einem dutzen Mitarbeitern begonnen hat, die Technologie weiter. Heute allerdings mit 180 Mitarbeitern und laufend auf der Suche nach jungen IT-Profis.

 

Compuware-CEO Chris O’Malley bemüht sich indessen mit Services rund um den Großrechner zu retten was zu retten ist, während Neo-Eigentümer Thoma Bravo in bester Heuschrecken-Manier  offenbar andere Ziele verfolgt, nämlich Compuware zu filetieren.

 

NACHSATZ: Das Nachrichtenmagazin profil verweist in Ausgabe 23 vom 1. Juni 2015 auf die aktuelle Blasenbildung: "Unter den Top 10 der weltweit wertvollsten Start-ups finden sich reihenweise Softwareentwickler, deren Produkte derzeit keine nenneswerten Erträge abwerfen". Die Top 10 der Milliarden-Dollar bewerteten Start-ups sind laut profil: Xiaomi (China, 46 Mrd Dollar), Uber (USA, 41,2 Mrd Dollar), Palantir (USA), Snapchat (USA), Flipkart (Indien) mit je 15 Mrd. Dollar, SpaceX (USA, 12 Mrd Dollar), Pinterest (USA, 11 Mrd Dollar), Airbnb (USA, 10 Mrd Dollar), Dropbox (USA, 10 Mrd Dollar), Lufax (China, 9,6 Mrd Dollar).

 

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