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Mit dem Schlachtruf „Tank gegen Teller“ gelingt es den Gegnern von Biosprit immer wieder in die Schlagzeilen zu gelangen. Damit konnten sie zwar die jüngste EU-Richtlinie beeinflussen, aber zu einer Verringerung des Welthungers können sie damit nicht beitragen.

Erschienen in der Unternehmerzeitschrift a3ECO 8/2015 (5. August 2015)


Rechtzeitig bevor das EU-Parlament Ende April zusammentrat um über die neue Biosprit-Richtlinie abzustimmen, begannen die Gegner mit ihrem Feldzug. Markus Meister, der selbst ernannte Biosprit-Experte vom Welthaus Graz der Diözese Graz Seckau erklärte der APA: „Zum Teil würden die Rohstoffe in Sklavenarbeit hergestellt.“ Neben „News“ übernahmen auch Der Standard und Tiroler Tageszeitung diesen Sager, nach einer Begründung haben diese Qualitätsmedien aber nicht gefragt. TT hat „Sklavenarbeit“ immerhin unter Anführungszeichen gesetzt.

 

Auch der Biologe Christian Lauk vom Institut für Soziale Ökologie an der Uni Klagenfurt erinnert ein bisschen an einen Glaubenskrieger, wenn er behauptet: „würde man den derzeitigen Beimischungsgrad von Agrotreibstoffen nur in Österreich erzeugen wollen, bräuchte man dazu ein knappes Drittel der Ackerfläche des Landes“, bzw. - so die Darstellung von „News“: „...  bräuchte man dazu die halbe Ackerfläche des Landes“. Für „News“ war „ein knappes Drittel“ wohl nicht krass genug, vielleicht auch nicht falsch genug. Die Biosprit-Branche ließ nach diesen Veröffentlichungen dem Klagenfurter Wissenschaftler eine Unterlassungserklärung zustellen, der Christian Lauk auch Folge leisten musste.

Die EU-Abgeordneten waren aber auch schon vor dem Auftritt von Lauk großteils zurückhaltend und stimmten schließlich für eine Begrenzung des Biosprit-Anteils aus Nahrungs- und Energiepflanzen von sieben Prozent. Für Ulrike Lunacek immer noch zu viel. Biosprit habe zur Zerstörung von Regenwald geführt, die Neuregelung werde den "Raubbau weiter fördern", wird die Vizepräsidentin des EU-Parlaments von der APA zitiert.

 

Zdrahal Biosprit500

 

Die beiden wichtigsten Sachargumente der Biosprit-Gegner sind natürlich ernst zu nehmen:
1.Die Rodung von Urwäldern um Rohstoffe zur Bioethanol-Produktion zu pflanzen, zerstört Lebensraum der Ureinwohner und zerstört die Artenvielfalt. Abgesehen von den direkten Umweltschäden durch Rodung von Urwäldern, verschlechtern Monokulturen und deren Düngung in weiterer Folge die CO₂-Bilanz.
2. Angesichts von 900 Millionen Menschen, die auf unserem Planeten an Hunger leiden, ist die Nutzung von Nahrungsmitteln zur Energieversorgung politisch (und moralisch) nicht vertretbar.

 

Ewald-Marco Münzer, Biodiesel-Sprecher der ARGE Biokraft, erinnert an die Anfänge der Diskussion und die erste Biokraftstoffrichtline der EU im Jahr 2003, die aus der Idee entstanden sei, zum Abbau der landwirtschaftlichen Überkapazitäten beizutragen. „Damals gab es in der Europäischen Union zehn Millionen Hektar Brachflächen. Diese sind nach jüngsten Zahlen auf fünf bis sieben Millionen Hektar gesunken. Die Hersteller von Biotreibstoffen haben damit der Landwirtschaft eine Alternative gegeben.“

 

Außerdem führt Münzer ins Treffen, dass mit Biodiesel auch das jährliche Handelsbilanzdefizit von vier Milliarden Euro bei Diesel reduziert werden könnte: „Wir haben in Österreich nur eine Raffinerie, welche die Hälfte des österreichischen Dieselbedarfs deckt. Eine höhere Kompensation durch Biodiesel wäre möglich.“ Diese Möglichkeit bestehe, obwohl nach der Goldgräberstimmung in den ersten Jahren nur noch sieben von ursprünglich 15 Biodieselanlagen in Betrieb sind. 2009 hatte Österreich theoretische Produktionskapazitäten von 650.000 Tonnen Biodiesel. Produziert und ausgeliefert wurden allerdings nur 323.000 Tonnen. Die Inlandsproduktion stieg 2010 auf ein Maximum von 337.000 Tonnen.

 

2013 wurden in Österreich 5,6 Millionen Tonnen fossilen Diesels verbraucht und 443.389 Tonnen Biodiesel beigemengt. 62.694 Tonnen wurden in purer Form auf den Markt gebracht. In Österreich produziert wurden lediglich 216.866  Tonnen Biodiesel. Bei Bioethanol hat sich die Produktionsmenge, die zu 100 Prozent aus dem AGRANA-Werk in Pischelsdorf kommt, bei 175.000 Tonnen eingependelt. Insgesamt wurden knapp 1,7 Millionen Tonnen Benzin verkauft, der 5-prozentige Bioethanol-Anteil beläuft sich auf 83.200 Tonnen. Wie Agrana bestätigt bleibt die Hälfte der Produktion in Österreich, während die zweite Hälfte in den Export geht.

 

Prominentestes Opfer der noch jungen Biosprit-Geschichte Österreichs war die Biodiesel-Anlage in Enns, die 2006/07 von der RLB Oberösterreich errichtet wurde und bereits 2008 nach wenigen Monaten Betrieb in Konkurs geschlittert ist. Aufgekauft 2010 von der bulgarischen Bulmarket wurde das Werk im Februar 2013 endgültig geschlossen und nach Ruse in Bulgarien verlegt. Billigimporte aus Süd- und Nordamerika sowie zu wenig und deshalb zu teurer Raps in Österreich seien für das Aus verantwortlich, erklärte Geschäftsführer Nedyalko Stantschev anlässlich der Schließung. In Bulgarien ist die Arbeitskraft billiger, und gleichzeitig besteht die Möglichkeit Palmöl für die Biodiesel-Produktion zu verwenden. Das ist im Norden Europas gar nicht möglich, da es bei niedrigen Temperaturen zähflüssig wird.

 

Aus der Sicht von Ewald-Marco Münzer werden nur die Hersteller überleben, die „effizient und effektiv“ sind: „Man musste auf effiziente Technologien setzen um Marktdruck zu überleben.“ So konnten viele Anlagen nur pflanzliche Frischöle verarbeiten, während die Münzer Bioindustrie GmbH bis zu 40 Prozent Altöl verarbeitet. Soweit die effiziente Technologie, die aber auch effektives Prozessmanagement braucht. Deshalb hat Münzer ein eigenes Altölsammelsystem aufgebaut. Damit liegt sein Familienbetrieb über dem Durchschnitt. Raps liegt in Österreich mit 70 Prozent der eingesetzten Rohstoffe bei Biodiesel an der Spitze. „Tierische Fette und Altspeiseöle die aus dem Abfallregime stammen stellen neben Kleinstmengen an Soja die restlichen 28 %“, so der jüngste Biokraftstoff-Bericht des Umweltbundesamtes. Tatsächlich könnte Österreich und sicher auch ganz Europa ohne Importe aus Asien und Amerika auskommen.

 

„Tatsächlich könnten Österreich und sicher auch ganz Europa ohne Importe aus Asien und Amerika auskommen. Wenn man uns nur die Möglichkeiten dazu gibt“, so Ewald-Marco Münzer weiter. „Wir leisten einen zentralen Beitrag zur Entkarbonisierung des Verkehrs und zur Verwertung nichtvermeidbarer Abfälle. Darüber hinaus bieten wir der heimischen Landwirtschaft eine nachhaltig zertifizierte Absatzmöglichkeit. Nur eine starke heimische Produktion kann Importe von Problemstoffen wie Palmöl weiter reduzieren und letztlich verhindern. Dieses Ziel sollte uns schließlich auch mit unseren Kritikern verbinden.“

 

Moralisches Resümee I
Dass überhaupt der Import von Palmöl aus Indonesien und Bioethanol aus Südamerika erlaubt ist, scheint mir der größte Konstruktionsfehler der Biosprit-Richtlinie. Um verfügbare Flächen in Europa effektiv zu nutzen, wäre es möglich, „bio“ nicht nur über nachhaltige Rohstoffe und Produktionsverfahren, sondern auch limitierte Transportstrecken der  Rohstoffe von den Bauern (bzw. aus der Gastronomie) zu den Produktionsanlagen und des Biosprits zu den Raffinierien und Tankstellen als „biologisch“ zu definieren. Die Höchstgrenze sollte bei 1.000 Kilometern liegen. Schon heute können nur zertifizierte Betriebe im Markt bestehen, das Supply Chain Management in die Key Performance Indikatoren einzubauen, wäre sicher kein großer Aufwand.


Moralisches Resümee II
Die Teller versus Tank-Polemik ist so intelligent wie der Versuch, das Kultur-Budget gegen das Militär-Budget auszuspielen. Wir leben  - leider – in einer Zeit, in der wir beides brauchen (und wollen). Jeder will mobil sein und ausreichend zum Essen haben. Und jeder will Kultur bei innerer und äußerer Sicherheit erleben und genießen. An dieser Stelle möchte ich an das Vermächtnis des 2010 verstorbenen Alternativ-Nobelpreisträgers Hermann Scheer erinnern, der darauf hinwies, dass das Hungerproblem älter sei als das Energieproblem und auch schon bisher durch punktuelle Hilfsmaßnahmen nicht gelöst werden konnte. Bekannt ist, dass die Produktion von Futtermitteln für unsere Turbokühe und überzüchteten Schweine wesentlich mehr Ackerflächen braucht als die Produktion von Biosprit. Eine intelligente europäische Biospritpolitik sollte daher die regionalen Faktoren zur entscheidenden Bio-Kategorie erheben und Urwald-Rodung durch Strafzölle auf importierten und über den halben Erdball transportierten Biosprit verhindern.

 

Die wahrscheinlich gutgläubigen Wutbürger führen einen Scheinkrieg mit den falschen Gegnern. Um die Polemik anzuheizen könnte ich in diesem Geiste behaupten: Wenn etwas weniger Zucker in die Speisen gelangt, dafür aber mehr Biosprit in die Autotanks, so fördert das einerseits die Volksgesundheit und bringt gleichzeitig eine Reduktion des CO2-Ausstoßes.

 

Ein zielführender Diskurs soll aber nicht mit polemischen Phrasen geführt werden, sondern mit den richtigen Fragen:
1. Wie können Entwicklungsländer eine nachhaltige Landwirtschaft aufbauen, damit sie von Importen und nicht zuletzt von Entwicklungshilfe unabhängig werden?
2. Wie können korrupte Politiker, die nichts zur Beantwortung der Frage 1 unternehmen und gleichzeitig verhindern, dass Entwicklungshilfe an die richtigen Menschen gelangt, zur Verantwortung gezogen werden?

 

ERGÄNZUNG am 15.8.15 Wie "Entwicklungshilfe" heute "funktioniert" berichtet ORF.at:

Die Schweizer Credit Suisse und das russische Institut VTB steckten 2013 in Summe 850 Millionen Dollar in das Fischereiprojekt EMATUM.  Mosambik versprach den Investoren, den südostafrikanischen Staat zu einem Thunfischfangzentrum zu machen und die Banker hatten offenbar nicht den geringsten Anlass, die Angaben bzw die laufenden Investments zu prüfen. "Eine französische Werft erhielt Aufträge im Umfang von 300 Mio. Dollar - für 24 Fischer- und sechs Patrouillenboote", berichtet ORF. Das sind zehn Millionen pro Schiff. Nun die Yachten der Banker sind wohl teurer, also gibts keinen Grund für weitere Prüfungen, zumal das Geld direkt nach Europa zurück floss. Was mit den verbliebenen 550 Millionen passiert ist, konnte bislang nicht eruiert werden. ORF: "Dass EMATUM auch für das Budget des Landes eine schlimme Bedrohung darstellt, haben führende Vertreter der Regierung längst eingestanden. ... Der IWF bezeichnete EMATUM als eines der größten Geschäftsrisiken des Landes. Alles, was Mosambik laut Experten nun tun kann, ist, die Laufzeit der Schuldenrückzahlung zu verlängern und in den Sparhaushalt zu implementieren - heißt: Für die Fantasien der damals Verantwortlichen müssen am Ende die Mosambikaner aufkommen."

Bitte diesen Satz zwei, drei oder viermal zu lesen: "Alles, was Mosambik laut Experten tun kann..." Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber die Vermutung liegt nahe, dass die zitierten "Experten" Mitarbeiter der Credit Suisse, der VTB und des IWF sind.

Es geht um ein Land mit einem BIP von rund elf Milliarden Dollar (bei 24,6 Mio Einwohnern ein BIP/Kopf von 583 Dollar) - die Schulden aus dem EMATUM-Deal werden sich mit Zinseszins sehr schnell auf 10 Prozent des BIP belaufen!

 

 

 120 Lilia

Arbeitsgruppe

ETHIK