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ZdrahalErnst Strom250

Deutschland hat die Energiewende erfunden, folglich zahlt Deutschland auch dafür. Österreich profitiert davon, doch manche Stromlieferanten suggerieren hierzulande immer noch, Strom habe kein Mascherl. Ganz im Gegenteil. (Artikel erschienen in a3ECO 9/2015)

   

 

18.9.2015 - Mitte August ging die Meldung durch die Weltpresse, dass in Japan vier Jahre nach dem GAU von Fukushima der erste Atomreaktor wieder in Betrieb genommen wurde. Relativ unbemerkt von der Weltöffentlichkeit blieb dagegen, dass in Japan seit Herbst 2013 alle 48 Atomreaktoren des Landes stillgelegt waren. Damit hatte das Land in den vergangenen zwei Jahren 30 Prozent weniger Strom zur Verfügung, und wie man hörte, oder eben nicht hörte, weil es die Medien nicht interessierte, gab es keine Stromausfälle in Haushalten und Unternehmen. Allerdings sind die Strompreise um 20 bis 30 Prozent gestiegen – und damit wohl auch der sparsame Umgang mit Energie.

 

Wenige Tage nach Fukushima hat Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel die Wende der Wende vollzogen. Während die Ostdeutschen Kernkraftwerke Greifswald und Rheinsberg mit dem Ende der DDR abgeschaltet wurden, dauerte es in Westdeutschland bis 2003, bis der erste Atomreaktor in Stade vom Netz genommen wurde. Im Atomkonsens vom Juni 2000 setzte die Rot-Grüne Regierung erstmals Ablaufdaten für die bestehenden Atommeiler fest. Am 28. Oktober 2010 durften die Atomlobbyisten feiern: der Bundestag beschloss eine  Laufzeitverlängerung um acht bis zehn Jahre. Doch genau drei Tage nach Fukushima, am 14. März 2011, beschloss das Kabinett Merkel den vorzeitigen Ausstieg. Noch im selben Jahr wurden acht Meiler heruntergefahren, im Juni dieses Jahres sang und klanglos ein weiterer. Bis 2022 werden die verbliebenen acht Reaktoren abgedreht. Der Kanzlerin hat´s nicht geschadet, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Atomstromfinale 2022

Deutschland ist 2022 endlich so weit wie Österreich schon seit 1978 – in Bezug auf Atomstrom. In Bezug auf die Energiewende sind die Österreicher Trittbrettfahrer der Deutschen meint der Ökostrompionier und Energieberater Ulfert Höhne: „Alle Stromverbraucher in Österreich profitieren wesentlich von den EEG-induzierten geringen Preisen der Strombörse, sind also geradezu unverschämte Trittbrettfahrer der deutschen Endverbraucher, die mit der EEG-Umlage das Börsepreis-Delta zahlen.“ Die Polemik in Zahlen gefasst: 2013 betrug der Ökostromzuschlag für einen durchschnittlichen österreichischen Haushalt  83 Euro, in Deutschland 260 Euro. Das Erneuerbare Energie Gesetz (EEG) garantiert den Wind-, Biogas- und Sonnenstromproduzenten Deutschlands langfristige Garantiepreise. Aufgrund der aktuellen Überkapazitäten exportiert Deutschland über die Strombörse zu niedrigen Preisen, die Differenz zum Garantiepreis zahlt jeder deutsche Haushalt mit seinem Ökostromzuschlag, der in Deutschland EEG-Umlage heißt.

 

Der Stromverbrauch in Deutschland ist von 2000 bis 2010 von 579 auf 615 TWh gestiegen, seither gesunken, 2013 erstmals wieder unter die 600 TWh-Marke. Dagegen nimmt der Stromverbrauch in Österreich weiter zu, von knapp 60 TWh 2010 auf 70 TWh in diesem Jahr. Trotz steigendem Bedarf hat der Verbund mehrere Kraftwerke stillgelegt. Spektakulär war die vorläufige Schließung des Gaskraftwerkes Mellach in der Steiermark. 2011 noch mit Jubelmeldungen als Alternative zu den eben heruntergefahrenen deutschen Atomkraftwerken in Betrieb genommen, musste Verbundvorstand  Wolfgang Anzengruber 2014 die Reißleine ziehen. Nicht nur, dass die Baukosten von ursprünglich geplanten 400 auf 550 Millionen Euro gestiegen sind, kamen dem Verbund die langfristig abgeschlossenen Gaslieferverträge teuer zu stehen. Da  kommt es letztlich billiger, Strom zu importieren, als selbst zu produzieren.

 

Bereits seit zehn Jahren ist derVerbund auch im Endkundengeschäft und beliefert nun über 300.000  Privathaushalte mit „Strom aus 100 % österreichischer Wasserkraft“, so die Eigenwerbung. Laut E-Control wechselten in der ersten Jahreshälfte 1,8 Prozent der österreichischen KMU ihren Stromanbieter. Mehr als bei den Haushalten, wo sich 1,6 Prozent einen neuen Lieferanten suchten. Das klingt nicht besonders viel. Die absoluten Zahlen zeigen aber, dass im Strommarkt einiges ins Rollen geraten ist: es geht immerhin um 29.000 KMU und um über 60.000 Haushalte. Dazu kommen 2.300 Industriebetriebe – das sind auf das Jahr gerechnet fast 200.000 Kunden, die in Bewegung sind. Angebote gibt es mittlerweile auch genug: 140 Stromanbieter, davon 30 österreichweit, kämpfen hierzulande um den wechselbereiten Kunden. Zwei Drittel der Angebote sind Ökostromprodukte.

 

Smart Meter

E-Control weist regelmäßig darauf hin, dass sich die Haushalte mit einem Wechsel des Anbieters viel Geld ersparen können. Allerdings bringt ein Wechsel außer kurzfristiger Kostenreduktion nichts, solange die Haushalte nicht mit Smart Grids ausgestattet werden. E-Control-Vorstand Walter Boltz weist darauf hin, dass Smart Meter „in Wahrheit nur zu einem Bruchteil so smart sind wie Smartphones oder Satelliten-Navigationssysteme.“ Laut EU-Richtlinie können sich die Netzbetreiber noch bis 2020 Zeit lassen. Bis dahin müssen 80 Prozent der Haushalte mit Smart Grids ausgestattet werden.

 

Die EU-Mindestanforderungen an Smart Meter sind aber weit weg von den Möglichkeiten der Technik, die Ulfert Höhne in der Vision einer „3D-Elektrizität“ sieht: „Das künftige Energiesystem muss dezentral, digital und demokratisch sein und auf den Prosumer ausgerichtet werden, um intelligente Abstimmung der Kapazitäten mit den jeweiligen lokale Angeboten und Nachfragen zu forcieren.“ Smart Grid soll mehr können als den Verbrauch automatisch an den Netzbetreiber zu liefern. Es geht darum, das Netz in kleinere Einheiten zerlegen, jedem Verbraucher eine Art IP-Adresse zuweisen um damit das Netz dezentral, Peer to Peer, auszusteuern. „Wir werden Leitungen brauchen, aber auch eine andere, zellorientierte Netzarchitektur ist notwendig“, so Höhne.

 

Kontraproduktion Kohle

Weit weg von der digitalen Zukunft und noch weiter weg von der Energiewende sind die  Kohlekraftwerke, die immer noch knapp 50 Prozent von Deutschlands Stromproduktion ausmachen. Und dabei auch noch hoch subventioniert werden. 1,22 Milliarden Euro an Subventionen fließen in den Steinkohlebergbau, bis 2018 hat die EU diese Geldflüsse genehmigt. Natürlich sieht sich die Gewerkschaft berufen, Arbeitsplätze zu retten. Dabei geht es gerade mal um 25.000 Bergleute in fünf Zechen im Ruhrgebiet. Angesichts der aktuell niedrigsten Arbeitslosigkeit in Deutschland wäre ein schnellerer Ausstieg wohl verkraftbar.

 

Die Betreiber von Braunkohlekraftwerken haben lange den Mythos gepredigt ohne Subventionen auszukommen. Namhafte Vertreter konzedieren aber mittlerweile, dass sie zumindest indirekt durch die Befreiung von der EEG-Umlage subventioniert werden. Erst kürzlich schrieb „Die Zeit“ unter dem Titel „Deutschland baut sich ab“ eine „Chronik der Verwüstung“, die der Braunkohlebergbau in Deutschland immer noch hinterlässt. Über 2.400 km², das entspricht der vierfachen Fläche des Bodensees, sind von Braunkohletagebauten betroffen. „Wo die Bagger sich in die Flöze fressen, müssen die Menschen weichen. 313 Siedlungen sind seit 1924 in Ost- und Westdeutschland weggebaggert worden. ... 2017 soll der Dom von Immerath, ein Meisterwerk der rheinischen Neuromanik, in die Luft gejagt werden“, berichtet „Die Zeit“.

 

Die Gewerkschaft kämpft um 16.000 Beschäftigte im Braunkohleabbau. Zusammen mit den Steinkohle-Kumpels würden bei Einstellung der Kohleförderung in Deutschland weniger Arbeitsplätze verloren gehen, als die monatlichen Schwankungen der Arbeitslosenquote. Die liegt derzeit auf dem niedrigsten Stand seit 24 Jahren. Für die 2,71 Millionen Betroffenen, die einen Job suchen, wohl nur ein schwacher Trost. Für die möglichen Verluste von Bergwerksjobs aber zumindest ein Hoffnungsschimmer.

 

Moralisches Resümee

„Der aktuelle Leistungsbilanzbericht 2014 der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber zeigt: Es gibt derzeit und in den nächsten Jahren im deutschen Strommarkt deutliche Überkapazitäten. Überkapazitäten im europäischen Markt sind dabei noch nicht berücksichtigt“, schreibt das Deutsche Wirtschaftsministerium in einer amtlichen Mitteilung. Österreichs Regulator Walter Boltz führt die Überkapazitäten auf die langen Planungs- und Bewilligungszeiträume für Großkraftwerke und geringeres Wirtschaftswachstum als erwartet zurück. Außerdem ist der spezifische Energieverbrauch in vielen Bereichen nicht gestiegen, sondern gesunken. Auch will kein Land das Thema Versorgungssicherheit aus der Hand geben, „jeder glaubt man muss ein eigenes Kraftwerk haben – das ist in Binnenmarkt nicht sinnvoll“.

 

Die Liberalisierung des Strommarktes ist beim Endkunden deutlich langsamer angekommen als die Liberalisierung des Telekommarktes. Während jeder Konsument sofort die Vorteile von Handy und Internet erfahren konnte und ständig mit Innovationen bis hin zum Smartphone überschüttet wurde, bewegten sich im Strommarkt lange nur Pioniere, die abseits von der breiten Öffentlichkeit Windräder bauten und genossenschaftlich finanzierten. Ökostromanbieter hatten lange mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass Strom kein Mascherl habe. Skurille Steckdosenvorrichtungen, die angeblich Atomstrom ausfiltern, haben den Veränderungsprozess auch nicht gerade beschleunigt.

 

Es stimmt, dass physikalisch immer der Strom aus dem Kraftwerk, das einem Abnehmer am nächsten steht, aus der Steckdose fließt. Damit aber jeder Ökostrom, Wasserstrom oder andere Stromsorten beziehen kann, laufen komplexe Verrechnungssysteme, mit denen ein Anbieter im Minutentakt sicherstellen muss, dass er genau den Strom liefert, den er bezieht. Wer keinen Ökostrom kauft, weil er meint, es sei immer auch ein bisserl Atomstrom dabei, der handelt wie jemand, der kein Internet nutzt, weil er meint, da sei immer auch ein bisserl Porno drinnen. Ja, all das ist drinnen, aber raus kommt genau das, was der Konsument gewählt hat.

 

Die steigende Wechselbereitschaft zeigt, dass die Menschen verstanden haben: Strom hat viele Mascherl. Das Atomstrom-Mascherl, das Kohle-Mascherl, das Wasser-Mascherl, das Ökostrom-Mascherl, das Zentralismus-Mascherl, das Demokratisierungs-Mascherl und das Wende-von-der-Wende-Mascherl. Aber dabei geht es vielmehr um eine Masche, nämlich die der Deutschen Kanzlerin,  und das ist eine andere Geschichte.

 

Ergänzung 23.7.2018: susi blue berichtet: "Der künftige Weltstromschalter soll seinen Sitz in Peking haben" - Artikel auf fischundfleisch.com

 

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