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In Amerika gilt die Regel: es ist keine Schande hinzufallen, es ist eine Schande liegen zu bleiben. Können sich Europäer die amerikanischen Einstellung, in der Scheitern als Auszeichnung gesehen wird, aneignen? A3ECO-Autor Hubert Thurnhofer fand in Linz einige Antworten.  (Erschienen in der Unternehmerzeitschrift a3ECO 6/2016)

 

Am Beginn der Konferenz „Schiffbruch“ der FH Oberösterreich (am 13. April in Linz) stellt Moderator Daniel Cronin die Frage an das vorwiegend junge Publikum, wer denn selbst ein Unternehmen gründen wolle. Ein paar Besucher heben selbstbewusst, mehrere zögerlich die Hand. In Summe kaum mehr als zehn Prozent, was ziemlich exakt der Statistik entspricht: 9,2 Prozent beträgt die Selbstständigenquote in Österreich (EU-Schnitt: 13,2 Prozent)  Das bedeutet aber: über 90 Prozent scheitern schon, bevor sie überhaupt versucht haben, etwas zu unternehmen. Sie scheitern nicht an einer konkreten Geschäftsidee, sie scheitern an der Vorstellung, dass ein Unternehmen überhaupt Teil ihrer Lebensplanung sein könnte und unterlassen es ganz einfach, über Gründung und die möglichen Folgen, das Scheitern, nachzudenken. ZdrahalErnst Kultur d Scheiterns 250
   

Respekt verdienen daher jene, die ihre Idee verwirklichen, auch wenn sie damit scheitern. Umso mehr, wenn sie den Mut finden von ihren Fehlern zu erzählen und damit anderen die Chance geben, von Fehlern zu lernen. Denn man kann nicht nur von Best Practices sondern auch von den besten Fehlern lernen. Der DiTech-Gründer Damian Izdebski hat Aufstieg und Fall seiner Firma deshalb in einem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Meine besten Fehler“ verarbeitet.

 

Zu schnelles Wachstum

„Mir wurde unternehmerisches Denken und Handeln tatsächlich schon in die Wiege gelegt“, schreibt Izdebski, der 1976 im kommunistischen Polen als Sohn einer Unternehmerfamilie zur Welt kam, die zuerst im Obst- und Gemüsehandel und später im Computerhandel tätig war. Mit 16 kommt Damian nach Österreich und beginnt ohne Deutschkenntnisse eine Ausbildung an einer privaten Handelsschule. „Die Kosten dieser Ausbildung habe ich mir dadurch finanziert, dass ich zwei Jahre lang jeden Sonntag hinter der polnischen Kirche in Wien polnische Zeitungen verkauft habe.“ 1999, mit 23 Jahren, gründet er gemeinsam mit seiner Frau Aleksandra DiTech.

 

Zu später Markteintritt

Während für DiTech zu schnelles, fremdfinanziertes Wachstum zum Todesurteil wurde, verschlafen andere Unternehmer den Markteintritt. Gerald Rauecker, heute Fördercoach, war Gründer und Geschäftsführer von Gunytronic, einem Spezialisten für Sensortechnik. Bei seinem „Schiffbruch“-Auftritt sagt er offen: „Zuerst hatten wir keinen Proof of Concepts. Wir hatten ein Team von 90 Prozent Akademikern, die waren zu technik-orientiert. Alle Förderungen haben wir wieder in Forschungseinrichtungen investiert, wir haben eigene Simulationen betrieben, alle Steuerkästen selbst gebaut, alles selbst entwickelt.“

Die Technik war so innovativ, dass es dem Geschäftsführer leicht gefallen ist, Forschungsförderung und Venture Capital aufzutreiben. „2014 hat unser Sensor den Innovationspreis des Landes Oberösterreich gewonnen“, ist Rauecker stolz. Bitterer Nachsatz: „Allerdings nicht mehr für unser Unternehmen“. Gunytronic war zu dem Zeitpunkt schon in Konkurs. Der späte Vertriebsstart war ein entscheidender Fehler, ist Rauecker überzeugt und sieht auch die Förderungen heute in einem anderen Licht: „Hut ab vor dem FFG, in dessen Richtlinien steht, dass Projekte auch vom Scheitern bedroht sein können. Doch anderseits haben uns die FFG-Förderungen zu lange das Überleben gesichert, deshalb haben wir nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen.“ Auch Venture-Capital war für Gunytronic nur ein Finanzierungsinstrument, gefehlt hat die Business-Unterstützung von Seiten der VC-Gesellschafter und Business Angels.

 

Zu große Ideen

Der Autor Ingo Niermann,  der mit dem Buch  „Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld“ bekannt geworden ist, hat in „Umbauland“ zehn deutsche Visionen vorgelegt. „Aber die Ideen waren nicht nur to big to fail, sondern auch zu groß um mit ihnen anzufangen“, so Niermann. Beim Versuch trozt allem eine Idee selbst umzusetzen hat er sogar Mitstreiter gefunden, mit denen er die größte Pyramide der Welt errichten wollte. Eine kollektive Pyramide als Grabstätte für alle Menschen und Konfessionen dieser Welt.

„Wir bekamen keinen Gründungskredit sondern hatten die Idee, eine Kulturförderung ein bisschen zweckzuentfremden“, gesteht Niermann. Das Budget von 87.000 Euro hat ausgereicht um einen Standort zu suchen. In Dessau (Sachsen Anhalt) ist die Idee von Niermann auf fruchtbaren Boden gefallen. Sein Team hat damit viel Wind bei der Presse aufgewirbelt. Bis sie etwa die Hälfte der Stadtregierung von dem Projekt überzeugen konnten, war aber die Luft aus dem Projekt raus: „Wir waren eine Gruppe von Leuten, aber wir wussten alle nicht, was der nächste Schritt sein sollte. Viele haben es nur als Jux genommen, andere wollten die Pyramide bauen, hatten aber keine Ideen, wie wir an Geld kommen könnten. Irgendwann kamen Geldprobleme: Miete, Krankenkasse usw. Wir wollten nicht auf Sozialhilfe gehen, das hat unsrem Unternehmer-Ethos widersprochen. Irgendwann ist das Team kollabiert.“

 

Durch Konkurs gescheiter(t)

„Gehen Sie nicht in Konkurs!“ Mit diesem Ratschlag beginnt Friedrich Eibensteiner den Bericht über seine Stigmatisierung, die der Gründer am eigenen Leib erleben musste. „Das Stigma klebt wie Schnittlauch zwischen den Zähnen. Du spürst ständig die Einstellung des Volkes: wer in Konkurs geht, ist ein Betrüger.“ Auch von seiner Standesvertretung, der Wirtschaftskammer, fühlte sich Eibensteiner im Konkursverfahren verlassen, dagegen fand er bei der Arbeiterkammer wertvolle Unterstützung. Seine Firma prelonic, die gedruckte elektronische Komponenten herstellt, hatte sieben Mitarbeiter, um die sich die AK gekümmert hat.

 

Als Blutsauger hat Eibensteiner den Masseverwalter erlebt: „Der Masseverwalter sucht nach  Vermögenswerten und ist beteiligt an dem, was er als verwertbar lukriert. Der Geschäftsführer ist eine potenzielle Geldquelle, seine Frage lautet daher: was hat der Geschäftsführer falsch gemacht und womit kann ich ihn erpressen?“ Wenn ein Konkurs nicht abwendbar ist, so hat Eibensteiner drei Tipps für Geschäftsführer:


- Wenn Gefahr droht, machen Sie keine Schulden beim Finanzamt oder der Sozialversicherung. Geschäftsführer haften hier persönlich.
Informieren Sie rechtzeitig, berücksichtigen Sie alle Fristen.

- Die 60-Tage-Frist bei Überschuldung bestimmt der Masseverwalter nachträglich, wer den Konkurs zu spät anmeldet ist haftbar.
- Erwarten Sie sich keine Hilfe!


Moralisches Resümee

Friedrich Eibensteiner ist weiterhin Unternehmer, der Diplomingenieur kümmert er sich heute aber nur noch um die Entwicklung und Produktion gedruckter Elektronik, um Geschäftsführung und Finanzierung kümmert sich ein Partner.
Ingo Niermann hatte für sein Pyramidenprojekt nie einen Plan B. Sein Scheitern sieht er positiv – und  auch nicht als endgültig: „Ich würde sagen: wir sind mit System gescheitert. Man kann auch wirklich gezielt scheitern. Man kann sagen, ich weiß es schon vorher, dass wir scheitern, trotzdem ist es ein konstruktives Projekt. Mit der Pyramide ist unglaublich viel passiert. Und es kann ja noch was werden: etwas kann noch kommen, wenn die Menschen verstehen: wenigstens im Tod sind wir alle gleich, jeder bekommt einen gleich großen Stein.“


Gerald Rauecker ist als Fördercoach wieder erfolgreich. Er begleitet mit seinem Know-how Start-ups durch den Förderdschungel.
Und um  Damian Izdebski muss man sich wohl auch keine Sorgen machen. Er hat Techbold gegründet und spezialisiert sich nun auf Hardware-Reparaturen. Die Idee konnte er aus seinen DiTech-Erfahrunen ableiten: der Computerhändler hat rund 50.000 Reparaturen pro Jahr durchgeführt.

 

Alle diese Unternehmer haben bewiesen, dass sie schwimmen können und haben den Willen, nach ihrem Schiffbruch zu neuen Ufern aufzubrechen. Bedauerlich ist nur, dass 90 Prozent der Österreicher gar nicht daran denken, als Kapitän in See zu stechen, oder auch nur die Verantwortung über ihr eigenes Ruderboot zu übernehmen.

 

Damit sich das ändert, muss in Schulen und Universitäten neues Denken Einzug halten, das unternehmerisches Denken fördert! Heute sind die  Jugendlichen geradezu getrieben von der Frage: was kann ich einmal werden, welchen Job kann ich bekommen? Darin steckt schon eine passive Grundhaltung. Jede Aussbildung, insbesondere Fachhochschulen und Wirtschaftsuniversitäten, müssten dem entgegenwirken mit der Frage: welche Ideen willst du in deinem Leben verwirklichen, was willst du künftig unternehmen?

 

Ergänzung 4. Juli 2016: Unternehmer müssen scheitern dürfen

 

 

 120 Lilia

Arbeitsgruppe

ETHIK