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Der Sammler und emeritierte Wirtschaftsprofessor Franz Wojda hat ein Buch vorgelegt, mit dem er beabsichtigt „Erfahrungen, aber auch die Leidenschaft für zeitgenössischen Kunst mit meinen wissenschaftlichen Methoden zu einem 'ganzheitlichen Ansatz' zur Beschreibung der Kunstwirtschaft zusammenzuführen und daraus einen systematischen Zugang zum Sammeln zu entwickeln. … Dabei sollen die Zusammenhänge und Abhängigkeiten in der Kunstwirtschaft verständlich gemacht werden und im Besonderen soll eine Art Handlungsanleitung zum Sammeln entwickelt werden.“ (13). 

 

So wie ein Kunstwerk soll auch ein Buch zunächst an den selbst gestellten Ansprüchen gemessen werden:

Franz Wojda
   

 

Ad: Beschreibung der Kunstwirtschaft

 

„Wichtig ist zu betonen, dass innerhalb der Kunstwirtschaft nicht nur Waren (die Kunstwerke) unter den Beteiligten vermittelt werden und dadurch ein Geldfluss eröffnet wird, sondern dass ebenso – vielleicht sogar gleichwertig – 'Information' als Kapital im Einsatz ist.“ (S. 17) Die Wahl des Begriffs „Kunstwirtschaft“ ist ein Versuch, das Kunstgeschehen weiter zu fassen als das Marktgeschehen, bringt aber nicht mehr Transparenz in den Markt, zumal „der“ Kunstmarkt weiterhin undifferenziert als homogenes System betrachtet wird:

 

„Der Kunstmarkt unterliegt derzeit einer radikalen Veränderung. …. Eine steigende Anzahl von HNWI (High-Net-Worth-Individuals) kauft und investiert in Kunst und Sammlerobjekte.“ (S. 196) Das ist soweit nachvollziehbar, wenn auch relativierbar. Völlig rätselhaft bleibt jedoch das Statement: „Vor allem die Vermögensbildung in den neuen Wachstumsmärkten Asien, Naher Osten und Lateinamerika sowie der steigende Wert von Kunst heizen das Interesse an Kunst als Anlagewert weiterhin an und begründen damit die Daseinsberechtigung für die Finanzierung des Kunstmarktes.“ (S. 196)

 

Die pauschale Betrachtung von Asien usw (was haben z.B. Korea, Kambodscha und Kasachstan gemeinsam außer dem gleichen Anfangsbuchstaben?) ist ebenso zweifelhaft wie die Begründung der „Daseinsberechtigung für die Finanzierung des Kunstmarktes“. Die für das Buch typische Sicht auf „den“ Kunstmarkt ist nicht ausreichend differenziert, auch wenn an einer Stelle angemerkt wird, dass „auch kleinere jährliche Ankaufsbudgets längerfristig zu einer durchaus eindrucksvollen Sammlung führen können.“ (S. 86)

 

Ad: Handlungsanleitung zum Sammeln


Franz Wojda ist mit Sicherheit ein enthusiastischer Sammler. Leider kommt dieser Enthusiasmus in den akademisch gehaltenen Ausführungen des Autors nur selten zum Durchbruch. „Während der Einstieg in das Sammeln ein sehr naiver war, hat sich mit 'learning by doing' und meinem methodischen Zugang beim Sammeln eine durchaus abgerundete und auch fokussierte Sammlung entwickelt.“ (S. 12) Mit diesem „Outing“ ist der Gipfel an Emotionalität bei Wojda bereits überschritten. Es folgen objektiv nachvollziehbare, aber subjektiv für Sammler oder jene die es werden wollen, kaum verwertbare Feststellungen:

 

- „Dass später Personen aus dem Kunstpublikum über erste Käufe zum Sammler aufsteigen, kann sein, muss aber nicht.“ (S. 22)
- „Die eine Extremposition bilden Sammler, die spontan agieren … Das andere Extrem ist dann gegeben, wenn Regeln und Vorgehensweisen für eine Ankaufsabwicklung genau festgelegt sind, wie es beispielsweise bei öffentlichen Museen meist der Fall ist.“ (S. 82)
- „Inwieweit ein Sammler über ein entsprechendes Qualitätsbewusstsein verfügt, ist daher – sogar für ihn selbst – schwer abschätzbar.“ (S. 84)
- „Derzeit entspricht der Kunstmarkt keinesfalls den rechtlichen Anforderungen einer Anlagekategorie – er hat deutliche Schwächen im Bereich der Regulierungsstruktur, der Verfügbarkeit von Information und des Eigentumsrechtes“ (S. 200)

 

Resümee: Insbesondere das letzte Zitat ist nicht dazu geeignet, jene, die noch nicht sammeln, zu motivieren mit dem Sammeln zu beginnen. Damit stellt sich die Frage, welche Zielgruppe Franz Wojda mit seinem ganzheitlichen Ansatz eigentlich erreichen will. Eine Handlungsanleitung zum Sammeln, insbesondere für jene die sie wirklich brauchen würden, kann ich hier nicht finden. Doch wer könnte so eine Anleitung eigentlich brauchen?

 

Dazu möchte ich auf die „steigende Anzahl von HNWI“ zurück kommen. Laut World Wealth Report von Capgemini gibt es weltweit 14,6 Millionen Millionäre (zitiert nach presse.com), laut Larry´s List und Einschätzung von Franz Wojda gibt es weltweit 5.000 bis 10.000 Sammler zeitgenössischer Kunst.  Das bedeutet im besten Fall, bei größtmöglicher optimistischer Annahme, sammelt gerade mal ein Promille aller Millionäre Kunst. Umgelegt auf 114.200 Millionäre Österreichs sind das 114 Sammler. (Das entspricht in etwa der Anzahl der auf kunstsammler.at vorgestellten Sammlerprofile, die Ergebnis von rund fünf Jahren Recherche sind.)

 

Wenn ich weiter annehme, dass der gesamte österreichische Kunstmarkt nicht mehr als 25.000 potenzielle Käufer hat, so frage ich mich: was kann Franz Wojdas ganzheitlicher Ansatz dazu beitragen, lediglich ein weiteres Promille der potenziellen Käufer und der real existierenden Millionäre zu Sammlern zu machen? Die Antwort findet sich leider nicht in Wojdas Buch. Dazu bietet es weder Anregungen noch Argumente.

 

Franz Wojda
Das Sammeln zeitgenössischer Kunst. Ein ganzheitlicher Ansatz
Verlag für moderne Kunst, 2015
ISBN 978-3-903004-66-5

 

In DIE PRESSE (28.1.2016) schreibt Nikolaus Jilich: "Rund 80 Prozent aller gekauften Kunstwerke kosten unter 5000 Dollar. Aber auch, wenn eine Sammlung mit einem Stück beginnen kann, setzt Wojda die untere Grenze für ein systematisches Vorgehen bei rund 30.000 Euro pro Jahr an – ohne damit Kunstbegeisterte abschrecken zu wollen. „Manche Grafiken und Drucke kann man schon um 500 Euro kaufen. Auf die Qualität kommt es an.“ Nach oben ist die Preisskala auf dem Kunstmarkt freilich offen.

Wer – so wie Franz Wojda – mehrere Jahrzehnte dranbleibt, hat irgendwann eine echte Sammlung, die ein Konzept verfolgt. So eine Sammlung muss dann einen „Footprint“ hinterlassen, also etwa ausgestellt werden. Kurz: Kunst ist nie ein passives Investment, sondern auch ein aktives Hobby.

Denn mit dem Kauf ist es noch lang noch nicht getan. Neben Fragen wie der Lagerung hat auch der Gesetzgeber ein gehöriges Wort mitzureden. Wer zum Beispiel ein urheberrechtlich geschütztes Bild kauft, was bei aktueller Kunst immer der Fall ist, der muss vor einer Ausstellung beim Künstler um Erlaubnis fragen."

 

FALSCH: Das Urheberrecht verbietet nicht, Werke auszustellen. Es steht dem Eigentümer auch frei, es immer der Öffentlichkeit zu entziehen. Sowohl das eine wie das andere hat nix mit Urheberrecht zu tun.

 

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15. Juni 2019