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23.11.2020 - In dem Buch „Die Alchemisten“ (erschienen 2013) hat der Journalist der New York Times, Neil Irwin, „die geheime Welt der Zentralbanker“ von außen ziemlich gut beleuchtet. In dem Buch „Die Alchemie der Finanzen“ (erschienen 1987) hat der Hedgefonds-Manager George Soros die spekulativen Mechanismen der Finanzmärkte von innen beleuchtet und sein Erfolgsrezept auf Basis seines Reflexivitäts-Konzeptes erläutert. Irwins Erkenntnisse und Enthüllungen hab ich ausführlich in meiner „Osterbotschaft 2020“ zitiert. Schon 2014 hab ich in dem Essay „Popper, Soros, Heinen und der Markt“ geschrieben: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass George Soros ein Philanthrop ist, ebenso wie Erich Honecker ein Philanthrop war.“ Niemand geringerer als George Soros bestätigt 2019 meine provokante Aussage: „Ich war gegenüber der Philanthropie schon immer misstrauisch.“

 

Soros fuf Buecher 500

 

Dieses Zitat stammt aus dem jüngsten Buch von George Soros „Für die Verteidigung der offenen Gesellschaft“, erschienen 2019. Weiters schreibt er in dem Buch: „Ich bin selbstsüchtig und egozentrisch und habe keine Skrupel, das einzugestehen. Jedoch habe ich in den vergangenen 30 Jahren eine weitreichende philanthropische Unternehmung aufgebaut – die Open Society Foundations -, deren Jahresetat sich um die 500 Millionen Dollar bewegt und jetzt in Richtung einer Milliarde klettert (Gesamtausgaben 1979 bis 2018: rund 15 Milliarden Dollar). Die Aktivitäten der Open Society Foundations erstrecken sich über alle Teile des Erdballs und decken ein derart breites Spektrum an Themen ab, dass sogar ich davon überrascht bin. Natürlich bin ich nicht der einzige selbstsüchtige und egozentrische Mensch, die meisten Menschen sind so. Nur bin ich eher bereit, es zuzugeben. Es gibt auf der Welt viele wahrhaft wohltätige Menschen, aber nur wenige von ihnen häufen das Vermögen an, das man braucht, um Philanthrop zu werden.

 

Ich war gegenüber der Philanthropie schon immer misstrauisch. Meiner Ansicht nach schwimmt Philanthropie gegen den Strom, sodass sie viel Heuchelei und zahlreiche Paradoxien hervorbringt. … Philanthropie soll angeblich anderen zum Vorteil gereichen, aber den meisten Philanthropen geht es in erster Linie um ihren eigenen Vorteil; angeblich soll Philanthropie Menschen helfen, aber häufig macht sie Menschen abhängig und verwandelt sie in Objekte der Wohltätigkeit; Antragsteller erzählen Stiftungen, was diese hören wollen, machen dann aber, was sie selbst wollen.“ (S. 44)

 

Soros erzählt im ersten Kapitel, wie ihn sein Vater geprägt hat, der als Rechtsanwalt nach dem Einmarsch der Nazis in Ungarn viele Juden in Sicherheit gebracht hat und erklärte: „in ungewöhnlichen Zeiten gälten die gewöhnlichen Regeln nicht, und wenn sich die Menschen an diese hielten, täten sie das auf eigene Gefahr. Dies wurde zu unserem Mantra und unter seiner Anleitung überlebten wir alle. Er half auch vielen anderen Menschen. Das macht 1944 für mich zu einer positiven Erfahrung.“ (S 10) Später präzisiert er: „Das Jahr der deutschen Okkupation, 1944, war meine prägende Erfahrung. Anstatt uns in unser Schicksal zu fügen widerstanden wir einer bösen Macht, die viel stärker war als wir – und wir gewannen die Oberhand. Das war ein berauschendes Abenteuer, so wie in ‚Jäger des verlorenen Schatzes‘.“ (S. 46)

 

Wie der Spekulant zum politischen Philanthropen wurde, erzählt er ganz offen: „Als ich mehr Geld verdient hatte, als ich für mich oder meine Familie brauchte, machte ich eine Art Midlife-Crisis durch.“ So gründete er, der als Student in London Karl Popper persönlich kennengelernt hatte, 1979 den Open Society Fund, der „bei der Öffnung geschlossener Gesellschaften helfen, die Mängel offener Gesellschaften verringern und kritisches Denken fördern“ sollte. „Meine ersten Anstrengungen richteten sich darauf, das Apartheid-System in Südafrika zu unterminieren. Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit der Öffnung des sowjetischen Systems zu. Ich gründete ein Joint-Venture mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die zwar unter kommunistischer Kontrolle stand, deren Vertreter jedoch insgeheim mit meinen Anstrengungen sympathisierten. Dieses Arrangement war erfolgreicher als in meinen kühnsten Träumen. Ich wurde süchtig nach dem, was ich gern als ‚politische Philanthropie‘ bezeichne. Das war 1984.“ (S. 34)

 

Der Spekulant pokert nicht, sondern spielt mit offen Karten: Soros als politischer Philanthrop deklariert offen seine Absichten im Unterschied zum „reinen“ Philanthropen, der meist scheinheilig den Wolf im Schafspelz versteckt. Dass er gleich zum Start nicht weniger als das Apartheid-Regime und den Sowjetkommunismus unterminieren wollte, bestätigt wohl mehr seine Neigung zum Größenwahn als seinen wahren politischen Einfluss. Sicher hat er sein Scherflein dazu beigetragen, beide Systeme zu „unterminieren“, aber auch nicht mehr. Ohne massive Anstrengungen der Bevölkerungen dieser Länder wäre der Zusammenbruch dieser Systeme nicht möglich gewesen. Klare Grenzen setzt ihm aber offenbar der Westen, denn: „meine Fähigkeit, die Politik des Westens zu beeinflussen, hielt nicht mit den Auswirkungen Schritt, die meine Stiftung im Sowjetreich hatte.“ (S. 60)

 

Die Wirtschaftszeitschrift trend kommentiert anlässlich seines 90. Geburtstages: „Doch selbst wenn die Stimme des New Yorker Multimilliardärs in der Öffentlichkeit Gehör findet - Gewicht hat Soros' Wort selten. Denn ihm hängt auch im fortgeschrittenen Alter als Fondsmanager im Ruhestand stets sein Image als abgebrühter Spekulant nach. Nie weiß man so recht, welcher Finanzwette seine "Ratschläge" und Meinungsbeiträge gerade dienen.“

 

Da Soros über hundert Projekte weltweit finanziert, sind manche Verschwörungstheorien, dass er „Revolutionen angezettelt“ habe, bei kritischer Prüfung in dieser Simplifizierung nicht haltbar. Zu den skurrilen Thesen zählt der „Soros-Plan Massenmigration“, die auch der (damals noch) FP-Chef und Vize-Kanzler H.C. Strache vertreten hat. Demnach würde Soros die Zuwanderung finanziell massiv unterstützen. Auf einer Pressekonferenz im April 2018 erklärt Strache im O-Ton: „im Jahr 2016 hat es laut Neuer Züricher Zeit (sic!) allein in dem Bereich 500 Millionen Dollar für Organisationen gegeben, die im Bereich der Migration tätig sind“.

 

Tatsächlich hat Soros am 20.9.2016 im Wall Street Journal einen Kommentar mit dem Titel „Why I’m Investing $500 Million in Migrants“ veröffentlicht. Untertitel: „I will invest in startups, established companies, social-impact initiatives and businesses founded by migrants and refugees.“ Skepsis ist berechtigt, und auch die Möglichkeit ist nicht auszuschließen, dass Soros seine wahren Absichten verschleiert. Doch dass er „die“ Massenmigration finanziere – unterstellt wird auch das Ziel der „Umvolkung“ Deutschlands – das ist gequirlte Scheiße, denn angesichts von 65 Millionen Migranten weltweit gibt nicht „die“ Massenmigration, sondern derzeit hunderte Migrationsströme mit den unterschiedlichsten Ursachen sowie Ausgangs- und Zielpunkten, die größten davon innerhalb Afrikas, innerhalb Asiens und innerhalb Amerikas. Und die meisten Migrationsströme (ca 43 Millionen Menschen) verlaufen überhaupt innerhalb eines Landes (Details siehe: Schwarzbuch Migration).

 

Wie Mythen um Soros entstehen zeigt auch die Schlagzeile „George Soros investiert groß in der Ukraine“ (Der Standard, 19.11.2015) die im November 2015 durch den Blätterwald rauschte (x-beliebige Variation siehe: Sächsische Zeitung). Gleichlautend berichten die Zeitungen: „Innerhalb der nächsten zehn Jahre wolle er dafür sorgen, dass bis zu 500 Milliarden Dollar (469 Milliarden Euro) in das vom Krieg in der Ostukraine beeinträchtigte Land fließen.“ Dieses Geld ist bislang noch nicht in der Ukraine eingetroffen. Das ist eine Behauptung, die ich heute (22.11.2020) nicht überprüft habe, aber ich kann kann für ihre Richtigkeit garantieren! Pro Jahr 50 Milliarden Dollar wären nämlich ein Drittel (!) des Bruttoinlandproduktes der Ukraine (Stand 2019) und damit ein so massiver Eingriff in die Volkswirtschaft des Landes, dass sich die Positiv-Meldungen über die Ukraine häufen müssten und vor allem eine wirtschaftliche Besserung irgendwo zu sehen sein müsste.

 

Meiner „Insider-“Kenntnis der Medien folgend schließe ich: der Journalist einer Nachrichtenagentur hat Millionen mit Milliarden verwechselt. 500 Millionen sind sein jährliches Spielkapital, wie Soros selbst bestätigt. Dass er in Interviews dieses Sümmchen je nach Laune gern mal als Gesamtbudget für das eine oder andere Projekt in die Waagschale schmeißt (rein spekulativ, nicht in der Absicht alle anderen Projekte damit einzustellen), das steht ihm frei. Dafür gibt es die Redefreiheit. Aufgabe von Journalisten wäre es jedoch – abgesehen von der Fähigkeit Millionen und Milliarden zu unterscheiden – Aussagen von Personen, die sie interviewen, zu prüfen, bevor sie diese reportieren. Ein Agenturjournalist hat aber keine Zeit oder zu wenig Intelligenz um zweifelhafte Aussagen zu hinterfragen und ein Zeitungsjournalist hat offenbar keinen Auftrag, irgendeinen Unsinn, der von einer Nachrichtenagentur geliefert wird, zu überprüfen. Übrigens hat der „Sturm“ im deutschsprachigen Blätterwald im Spätherbst 2015 hat im Frühjahr als Lüfterl seinen Ausgangspunkt im US Nachrichtensender CNN genommen, wo George Soros am 30. März 2015 ankündigte: „I may invest $1 billion in Ukraine“. (Und bittschön "billion" nicht mit "Billion" zu übersetzen!)

 

Nochmals zusammengefasst, damit es auch ein Agenturjournalist versteht, worum es Soros geht: der Hedgefonds-Manager hat noch nie im kommerziellen Sinn „in ein Land investiert“, sondern sein Geld in vielen Ländern in Sozial- und Bildungsprojekte gesteckt. Investieren heißt nämlich: Geld anlegen mit dem Ziel einen RoI (Return on Investment) zu erwirtschaften. Wahr ist, dass Soros sein Geld und das vieler Anleger in seine Fonds investiert und damit unterm Strich mehr Geld gewonnen als verloren hat. Seine Form des Investments war immer reines Finanzinvestment, d.h. Geld durch Mechanismen des Finanzsystems zu vermehren. Soros war immer ein reiner Händler von Wertpapieren, also ein Spekulant, der seine Renditen durch steigende oder fallende Kurse verdient. Ein klassischer Investor (Sanierungsmanager wie Grossnigg, Liaunig oder Tojner) verdient dagegen Renditen dadurch, dass ein altes Unternehmen saniert, oder ein neues Geschäftsmodell erfolgreich wird.

 

Am Beispiel Ukraine bleibt als einziges Faktum: „Soros wollte dafür sorgen...“ - also eine Willensbekundung eines Milliardärs, aus der leider am Ende nix geworden ist. Fakenews ist in diesem Fall die unkritische Berichterstattung, die so tut, als wäre eine willkürliche Absichtserklärung eines Milliardärs bereits die Vorbereitung zur Umsetzung von konkreten Maßnahmen. Fake bleiben diese „Tatsachenbehauptungen“ sogar dann, wenn Soros tatsächlich von „500 Milliarden“ gesprochen hat (gegen meine Erfahrungen mit Agenturjournalisten). Diese Möglichkeit lässt das philosophische Fundament zu seiner politischen Philanthropie immerhin zu: „Ich haben den scheinbaren Widerspruch zwischen einem egozentrischen Philanthropen und einer selbstlosen Stiftung aufgelöst. Das Ichbewusstsein hat mich meiner selbst bewusst gemacht und es hat mir auch bewusst gemacht, wie unzulänglich mein sterbliches Ich als einziger Nutznießer meines Bewusstseins ist. Anders gesagt habe ich ein sehr großes Ego – viel zu groß für mein sterbliches Ich. Einen ausreichenden Rahmen dafür finde ich nur, indem ich mich mit etwas Dauerhafterem identifiziere. … Ich habe den Ehrgeiz, die Welt zu verbessern, indem ich Menschen in die Lage versetze, sie zu verändern. Und hier kommt mein konzeptueller Rahmen ins Spiel“ (S. 85)

 

Seinen konzeptuellen Rahmen hat Soros als Grobkonzept bereits als Student von Karl Popper entworfen, diesen dann 1987 erstmals in „Alchemie der Finanzen“ in Theorie (eines gescheiterten Philosophen) und Praxis (eines erfolgreichen Börsenspekulanten) publiziert und nochmals in seinem zitierten Buch von 2019 kompakt und leichter verständlich im letzten Kapitel zusammen gefasst. Sein Konzept basiert auf drei Prinzipien:

1. das Prinzip der persönlichen Unzulänglichkeit (=Prinzip der Fehlbarkeit)

2. das Prinzip der Reflexivität

3. (gleichsam die Synthese von 1 und 2): das Prinzip der Ungewissheit.

Ad 1: „Die Menschen können Erkenntnisse über einzelne Tatsachen gewinnen, doch wenn es darum geht, Theorien zu formulieren oder sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen, ist ihre Sichtweise zwangsläufig verzerrt oder inkonsistent.“ (S. 158)

Ad 2: „Die mängelbehafteten Ansichten der Menschen können mittels deren Handlungen die Sachlage beeinflussen oder verändern. Wenn beispielsweise Anleger meinen, die Märkte seien effizient, dann ändert diese Überzeugung die Art, wie sie investieren, und dies wiederum änder das Verhalten der Märkte, an denen sie teilnehmen.“ (S. 158 f)

Ad 3: „Die mit der Fehlbarkeit und der Reflexivität verbundene Ungewissheit ist fester Bestandteil der menschlichen Verfassung. Um dies zu verdeutlichen, fasse ich die beiden Konzepte zum Prinzip der menschlichen Ungewissheit zusammen.“ (S, 159)

 

Mit seinem Ansatz stellt Soros die Wissenschaftstheorie von Karl Popper teilweise in Frage und die gängigen Konzepte der Wirtschaftswissenschaften prinzipiell. Popper hat aus Sicht von Soros unrecht, weil die Methoden der Naturwissenschaften nicht auf die Sozialwissenschaften anwendbar seien: Falsifizierbarkeit als Kriterium der Wissenschaftlichkeit und Basis der naturwissenschaftlichen Forschung ist anwendbar nur bei wiederholbaren Experimenten. Solche Experimente sind in den Sozialwissenschaften nicht möglich. Es könne daher keine einheitlichen Methoden für alle Wissenschaften geben. Die Wirtschaftswissenschaften würden sich zu stark an den Methoden der Naturwissenschaften orientieren, ihre Thesen (insbesondere These der Marktfreiheit und die Gleichgewichtsthese) seien aber empirisch nicht nachweisbar. Deshalb spricht Soros nie über „Wirtschaftswissenschaft“ sondern immer nur über die „Wirtschaftstheorie“ oder die „ökonomische Theorie“.

 

Der „trend“ schreibt darüber: „Im Gegenteil wurde etwa Soros' "Reflexivitätstheorie", mit der er nicht weniger als die ganze Welt erklären zu können glaubte, in Fachkreisen eher belächelt. Sein fieberhafter Versuch, sich als Vordenker und großer Theoretiker in der Tradition des von ihm hochverehrten Philosophen Karl Popper einen Namen zu machen, brachte wenig Lorbeeren ein.“ Die Gründung seiner Privatuniversität CEU (Central European University), die derzeit von Budepast nach Wien übersiedelt und bereits mit einem Sitz im 10. Bezirk tätig ist, lässt sich wohl auch damit begründen, dass er mit seinen eigenen Thesen in den Wirtschaftswissenschaften (ohne Anführungszeichen) keine Anerkennung gefunden hat. Philosophie zählt in der CEU zu den Hauptfächern, „Wirtschaftswissenschaft“ wird nicht unterrichtet. Die Bundeshauptstadt hat den Milliardär dafür vor einem Jahr mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet, berichtet die Wiener Zeitung am 14.11.2019.

 

Dass Soros unter den Wissenschaftern wenig Anerkennung findet, liegt vor allem an der Provokation, dass er die Spekulationen der Finanzmärkte als Alchemie bezeichnet. Im Unterschied zu den Alchemisten des Mittelalters, die unedle Metalle in das Edelmetall Gold verwandeln wollten, feiern die Alchemisten der Finanzen, die im 20. Jahrhundert reine Spekulationen in Geld umwandeln, größte Erfolge. Die ewige Frage der spekulativen Metaphysik, ob es Wahrheit gibt und wie sie beweisbar ist, beantwortet der Meisterspekulant banal aber elementar: „Der Erfolg gibt mir recht.“

 

In „Alchemie der Finanzen“ hat Soros sein Insiderwissen bereits 1987 „geoutet“, wie man heute sagen würde. Ich habe in meinem Blog „Wir brauchen eine absolute Regulierung des Finanzsystems“ (fischundfleisch am 13.11.2020) mehrere Zitate aus diesem Buch gebracht und bewusst die Quelle verschwiegen. Es war nicht überraschend, dass dem jüdischen Autor dieser Zitate sowohl kommunistische Gesinnung als auch Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut nachgesagt wurde.

 

Hier die Zitate von George Soros aus "Die Alchemie der Finanzen":

„Eine mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit antretende Theorie vermag die leichtgläubige Öffentlichkeit leichter zu beeinflussen als eine Theorie, die freimütig ihre politische oder ideologische Voreingenommenheit einräumt. Als typisches Beispiel brauche ich nur den Marxismus anzuführen, aber der Laissez-Faire-Kapitalismus mit seinem Vertrauen auf die Theorie des vollkommenen Wettbewerbs ist ebenfalls ein einschlägiges Beispiel. Diese Theorie lässt sich in der Behauptung zusammenfassen, dass der Markt immer recht hat. Ich vertrete den genau entgegengesetzten Standpunkt.“ (Alchemie, S. 59)

 

„Um die Rolle der Aufsichtsbehörden zu begreifen, gilt es zu sehen, daß auch sie Marktteilnehmer sind: ihr Verständnis ist von Natur aus unvollständig, und ihr Handeln hat unbeabsichtigte Folgen. Das Verhältnis zwischen den Aufsichtsbehörden und der Wirtschaft ist relfexiv, und es weist ebenso zyklische Züge in dem Sinne auf, daß es dazu neigt, von einem Extrem zum anderen zu pendeln. ...

Wir stehen jetzt an einem wichtigen Punkt, an dem die Voreingenommenheit für eine Deregulation weiter zunimmt, während in einzelnen Bereichen der Bedarf an Interventionen der Regierung wieder an Kraft gewinnt. Es gibt eine Tendenz, die Kontrolleure als Übermenschen anzusehen. Dem ist aber nicht so. Die Regulationen sind im allgemeinen so ausgelegt, dass sie der letzten Panne vorbeugen, nicht aber der nächsten.“ (Alchemie, S. 28 u 99f)

 

„Das kollektive System der Kreditgewährung basiert auf dem Prinzip der freiwilligen Zusammenarbeit. Die Kontrollbehörden müssen sich anstrengen, um es den Banken zu ermöglichen, neue Kredite zu strecken. Der einzige Weg dieses Ziel zu erreichen besteht darin, die Fiktion aufrecht zu erhalten, dass die außenstehenden Kredite nicht gefährdet seien. Diese Fiktion basiert auf dem Dogma, dass souveräne Staaten nicht bankrott gehen. Der einzige Weg, ausstehende Zinsforderungen einzutreiben, besteht in der Vergabe weiterer Darlehen. Damit wird das Problem nicht nur nicht zugegeben, sondern auch noch verschlimmert. Solche Einlagen können von Investoren als Rückhalt für andere gewinnträchtige Aktivitäten genutzt werden. Dieses Rezept führt zum Untergang. Es ist erstaunlich, dass dies von den Politikern nicht erkannt wird. Wir bedürfen dringend irgendeiner Art von Konkursverfahren für internationale Schulden.“ (Alchemie S. 133 ff)

 

„Wir haben keinen Grund zu glauben, dass die Märkte irgend etwas optimieren. In ihrem Zugeständnis, die Finanzmärkte fernab jedes Regierungseingriffs laufen zu lassen, ist die westliche Welt über Bord gegangen. Wie der letzte Crash zeigte, war das ein schlimmer Fehler. Von Hause aus sind die Finanzmärkte instabil; eine Stabilität kann nur erreicht werden, wenn sie zum Ziel der offiziellen Politik erklärt wird. Die Instabilität schaukelt sich auf, je länger man sie sich unreguliert entwickeln lässt; schließlich kommt es zum Crash. Die ideale Lösung wäre eine echte internationale Währung, emittiert und kontrolliert von einer echten internationalen Bank. Die Vereinigten Staaten werden erst aufhören, die Welt mit Dollars zu überfluten, wenn der Dollar seine privilegierte Stellung verliert. Je früher wir diesen Übergang vollziehen, desto besser stehend ie Chancen den ökonomischen Verfall aufzuhalten.“ (Alchemie, S 333 f)

 

„Es besteht kein Zweifel darüber, dass unsere Fixierung auf materielle Werte, Profit und Effizienz extreme Ausmaße angenommen hat. Dies führt zwangsläufig zu Exzessen. Da es im Bereich der Werte aber so etwas wie einen Normalwert nicht gibt, ist es unmöglich zu definieren, wo dieser Exzess beginnt.“ (Alchemie, S. 380)

 

Soros hat sein Buch wohlgemerkt 1985/86 geschrieben, also vor der Krise 1987, als die Finanzmärkte noch verhältnismäßig konservativ vorwiegend mit Aktien, Bonds (meistens Staatsanleihen) und Devisen gehandelt haben. Erst 1992 wurde Soros als Spekulant berühmt, „der die Bank von England in die Knie zwang“. Gemeint ist die britische Zentralbank. Dabei ging es darum, die staatlich geregelten Devisenkurse zu brechen um die Kursbildungen „dem Markt“, also den Devisenspekulanten zu überlassen.

 

Ich bin nicht qualifiziert ein Psychogramm von Soros zu erstellen, mach es aber trotzdem: Soros. ein Mensch mit übergroßem EGO, der gelernt hat, die Regeln nicht nur für seine Zwecke zu instrumentalisieren, sondern auch gegen die Regeln zu spielen, setzt auf Deregulierung, während sein Gegner die bestehende Regulierung verteidigt, und verdient damit so viel Geld, dass er damit stark regulierte Länder unterminieren kann, um ihnen im Rahmen der Öffnung neue Regeln zu verpassen, die den dort legenden Menschen zwar nur wenig nutzen, den weltweit expandierenden Finanzmärkten aber umso mehr. 30 Jahre nach diesem Coup sind ist der Finanzsektor, in dem Soros immer noch tätig ist, selbst zu einem geschlossenen System geworden.

 

Die Finanzmärkte brauchen offenbar einmal im Jahrzehnt eine veritable Krise (1990 Zusammenbruch Sowjetunion, 2000 Zusammenbruch New Economy, 2010 Zusammenbruch Hypothekenkredite) und programmieren mit der Corona-Herrschaft gerade den nächsten Finanzcrash. Dies war die These meines Blogs, die ich mit den Zitaten eines Insiders unterlegt habe. Belegen will ich diese Aussage nun mit dem weiterhin wachsenden Volumen von Derivaten, die in den 1980er Jahren erst in der Entwicklungsphase waren. „Derivate sind das vermutlich am schnellsten wachsende und sich verändernde Segment des modernen Finanzwesens. Nach Angaben der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) betrug der Nominalwert aller weltweit ausstehenden OTC-Derivatekontrakte im 2. Halbjahr 2010 601 Billionen US-Dollar. Im Jahr 2000 waren es 95 Billionen US-Dollar.“ (Quelle: Wikipedia)

 

Wer den wikipedia-Artikel liest, bekommt einen ersten Einblick über Wesen und Unwesen, sowie Sinn und Unsinn von Derivaten. Kurz zusammengefasst: der Unsinn, ja sogar Widersinn dieser Konstruktionen für die Menschheit ist größer als der Nutzen (und Gewinn) für einige wenige Menschen. Die größte Perversion des Systems ist der sogenannte Leerverkauf (englisch: short sale) bei dem der Verkäufer zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht im Besitz der Papiere ist, die er verkauft. Er spekuliert lediglich darauf, dass er sie unmittelbar vor Zeitpunkt des Verkaufs günstiger einkaufen kann, als der Kurs und somit der Preis zum Zeitpunkt der Vereinbarung gewesen ist.

 

Man stelle sich vor, in der Realwirtschaft würde jemand ein Haus verkaufen, das ihm nicht gehört. Kein Staat, kein vernunftbegabter Mensch würde so etwas akzeptieren. Im Finanzmarkt passiert das ständig. Um das Geschäft noch weiter anzukurbeln, werden in Derivaten viele Spekulationen dieser Art gebündelt, „verbrieft“ wie das in der Fachsprache vertrauenserweckend heißt, danach von Ratingagenturen, die von den Produzenten dieser Derivate bezahlt werden, mit AAA bewertet (höchste Qualität, höchste Sicherheit) und dann weltweit verscherbelt. Die Subprime-Blase wurde auf die Art aufgeblasen (siehe: Finanzmarkt 008 – die Lizenz zum Zocken)

 

Wozu brauchen die Produzenten von Derivaten überhaupt Schulden? Wenn die Finanzindustrie Geld durch Geld fabriziert und vermehrt, dann könnte ihr im Grunde die Realwirtschaft egal sein. Tatsächlich haben nach dem Crash 2008 aufgrund der Basel III Bestimmungen Klein- und Mittelbetriebe sowie Privatpersonen immer weniger Kredite bekommen, immer häufiger die „Kredit-Würdigkeit“ verloren. Als Gegenreaktion haben sie ihren Cashflow verbessert und alternative Finanzierungen (Crowd Funding) gefunden und damit auch eine stärkere Unabhängigkeit von der Finanzindustrie geschaffen. Das Geschäftsmodell der Banken lässt sich jedoch mit einem Begriff definieren: Abhängigkeit. Anders gesagt: die Schulden der Kunden sind die Aktiva der Banken.

 

Die Derivate, die in zweiter, dritter oder vierter Meta-Ebene nichts mehr mit Krediten, Aktien oder Anleihen zu tun haben, müssen trotzdem im Fundament immer noch mit diesen „besichert“ werden, sie brauchen daher ständigen Nachschub an Krediten, Aktien oder Anleihen. Nachdem die lästige Privatverschuldung weitgehend abgeschafft wurde, brauchen sich die Banken Dank Corona nicht mehr um das mühsame Privatkundengeschäft mit tausenden Einzelfällen zu kümmern, sondern können nun pauschal den Staaten die Schulden überstülpen. Mühsame Prüfung der „Kreditwürdigkeit“ in tausenden Einzelfällen entfällt, die Prüfung der Staaten übernehmen die Ratingagenturen, und am Ende besteht die totale Sicherheit: „Souveräne Staaten können nicht bankrott gehen.“ (Alchemie, S. 113) Diese totale Sicherheit wird sich am Zahltag als totale Diktatur der Finanzindustrie manifestieren.

 

Das Finanzsystem hat sich mehr und mehr zum reinen Spekulationssystem entwickelt, es ist längst kein Dienstleistungssektor mehr, der dazu da ist die Wirtschaft durch Kredite zu unterstützen. Im Finanzsystem 2020 geht es nur noch um die Produktion von Geld durch Geld. Derivate u.a. „verbriefte“ Finanzpakete sind quasi industriell hergestellte und gehandelte Finanzprodukte, keine Finanzdienstleistungen. Ich nenne dieses System: Finanzindustrie. Es handelt sich dabei um ein geschlossenes System. Dies ist auch die Erklärung dafür, warum trotz exponentiellem Wachstum der Geldmenge noch keine Hyperinflation ausgebrochen ist: das Geld fließt zwar aus der Realwirtschaft (jetzt von den Staaten) in die Finanzindustrie, aber nur ein Bruchteil davon fließt wieder zurück. Michael Hudson gibt tiefe Einblick in seinem Buch „Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört“ (erschienen 2015).

 

Das Finanzsystem ist heute ist so weit entfernt von den Bedürfnissen der Menschen und der Realwirtschaft, dass man sie nur noch als Irrealwirtschaft bezeichnen kann. Ich fordere daher eine absolute Regulierung dieses Systems, um parallel zur Irrealwirtschaft ein Geld- und Finanzsystem zu schaffen, das den Interessen aller Menschen dient, anstatt den Interessen einiger weniger Spekulanten, Hedgefonds und Banken.

 

Absolute Regulierung unterscheidet sich von totaler (totalitärer) Regulierung dadurch, dass sie absolut losgelöst von den egoistischen Eigeninteressen der Spekulanten und sonstigen Playern des bestehenden Finanzsystems, aber auch von den Interessen der Regierungen (egal welcher Regime) konzipiert und umgesetzt wird. Im Unterschied zur totalen Regulierung, die alle Transaktionen und auch alle Finanzprodukte regelt, kontrolliert und besteuert, bedeutet die absolute Regulierung das Verbot aller Finanzprodukte, die keinen direkten Nutzen für die Realwirtschaft haben, beginnend mit dem Verbot von Derivaten und endend beim Verbot der Gewinnorientierung von Banken.

 

Eine absolute Regulierung muss – so wie die reine Demokratie – dem Souverän unterstehen. Anders gesagt: die absolute Regulierung der Finanzmärkte ist demokratisch legitimiert, im Gegensatz zu bestehenden Regulierungen, die massiv von Finanzlobbyisten beeinflusst, oft sogar von ihnen gemacht wurden. Um die Menschen mit Geld zu versorgen reicht es mit den heutigen technischen Möglichkeiten aus, dass jeder Staat neben seiner eigenen, souveränen Regierung eine eigene souveräne Nationalbank einrichtet. Es ist widersinnig, dass die Staaten das Recht auf Geldschöpfung den Privatbanken überlassen um sich dann für hohen Zinsen von diesen wiederum genau dieses Geld zu leihen.

 

Durch die absolute Regulierung wird der Zweck des Geldes wieder auf seine drei klassischen Funktionen – Zahlungsmittel + Mittel der Bewertung + Mittel zur Wertaufbewahrung – eingeschränkt werden. Geld als Mittel zur Produktion von Geld ist widersinnig, doch ein Großteil der bestehenden Geldmenge erfüllt genau diesen und nur diesen Zweck. Absolute Regulierung bedeutet die Zurückführung der Eigendynamik, die das Finanzsystem in den vergangenen 30 Jahren eingeschlagen hat, in eine demokratisch legitimierte Service- und Dienstleistungsinstitution im Interesse der Realwirtschaft und im Interesse der Menschen. Absolute Regulierung des Finanzwesens schließt aus, dass Geld so wie heute zum Selbstzweck wird und dass mit Geld ausschließlich im Interesse der Gewinnmaximierung spekuliert wird. Geld ist ein Mittel zum Zweck, um den Kreislauf in und zwischen allen Branchen zu gewährleisten, die nicht gewinnmaximierend tätig sind: Bildung, Kultur, Gesundheit, Sozialdienste, Verwaltung und Infrastruktur.

 

Wer meint, so etwas hat es noch nie gegeben, hat vollkommen recht. Wer jedoch daraus den Schluss zieht, so etwas könne es niemals geben, der sei an die drei Prinzipien von Soros erinnert: Unvollkommenes Wissen, Reflexivität und Ungewissheit. Zur Anregung der Phantasie oder zur Stärkung der Vorstellungskraft kann eine Zeitreise in das Jahr 1930 dienen, um sich daran zu erinnern, was damals als unmöglich erachtet wurde. 1930 ist George Soros geboren. Falls  der mitterlweile 90-jährige zur Krönung seines Lebenswerkes sein gesamtes Vermögen, das laut Forbes auf 8 Milliarden Dollar geschätzt wird, auf eine Karte setzen würde, dann könnte ich ihm nur ein letztes Spiel empfehlen: den Aufbruch der mittlerweile hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft der Finanzindustrie.

 

 

LITERATUR

George Soros, Für die Verteidigung der offenen Gesellschaft, Kulmbach 2019

Goerge Soros, Die Alchemie der Finanzen, Kulmbach, 6. Auflage 2020

Neil Irwin, Die Alechmisten. Die geheime Welt der Zentralbanker, Berlin 2013

 

ANMERKUNG

Unter den Superreichen zählt Soros zur „Mittelschicht“. Auf der Forbes-Liste der 2095 Milliardäre dieser Welt (Ausgabe 2020) findet sich Soros mit 8,6 Milliarden Dollar lediglich auf Platz 162 (nicht zu verwechseln mit US Forbes 400, wo er 2020 den Platz 56 einnimmt), weit abgeschlagen von Dietrich Mateschitz auf Platz 57, der laut dieser Angaben über ein Vermögen von 16,5 Milliarden Dollar verfügt. Weitere Österreicher auf der Milliardärsliste: Platz 230 Johann Graf (Novomatik, 6,5 Mrd. $), 361 Rene Benko (Signa Holding, 4, 7 Mrd. $), 401 Georg Stumpf (4,4 Mrd, $), 680 Heidi Horten (3 Mrd $), und ex aequo auf Platz 1135 Helmut Sohmen und Michael Tojner mit je 1,9 Mrd. $.

 

Siehe auch:

Corona und die wundersame Geldvermehrung in Europa – Ein Vortrag von Prof Hans-Werner Sinn.

 

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