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Mehr als 900 Millionen Menschen auf unserem Planeten leiden an Hunger. Ist es angesichts solcher Zahlen moralisch zulässig, Teile der landwirtschaftlichen Nutzflächen zur Produktion von Biotreibstoff zu verwenden? Die Bunte Zeitung 3, Juni/Juli 2009 --- Illustration: Ernst Zdrahal

Siehe auch Beitrag zur Wirtschaftsethik "Wie bio ist Biosprit?" -  erschienen in der Unternehmerzeitschrift a3ECO 8/2015

 

Hermann Scheer, Alternativ-Nobelpreisträger und Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien, sieht aktuell drei Krisenherde: Die Finanzkrise, die Klimakrise und die Energiekrise. Die Finanzkrise überdeckt allerdings derzeit, dass die Klimakrise und die Ressourcenkrise viel gravierender sind. Scheer: „Es ist fatal, wenn versucht wird, die Finanzkrise zu lösen und die beiden anderen Krisen zu vernachlässigen. Das würde Klima und Ressourcenkrise nochmals zuspitzen.“ Und das Hungerproblem? Das ist älter als die Energiediskussion und hat schon bisher mit punktuellen Hilfsmaßnahmen zu keiner Lösung geführt. Deshalb soll das Problem aber nicht beiseite geschoben werden, im Gegenteil: durch die Energiewende können mit neuen Strategien auch Lösungsansätze für das Hungerproblem entwickelt werden.

 

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Der Kern des Problems – man kann es ohne Übertreibung als das akuteste globale Problem der Menschheit bezeichnen - liegt darin, dass die fossilen Ressourcen begrenzt sind und in absehbarer Zeit zu Ende gehen. Dabei ist es eine rein akademische Diskussion, ob die Menschheit noch fünfzig oder hundert Jahre Zeit hat, um die fossilen Energieträger auszubeuten. Das hängt zu einem guten Teil davon ab, wie schnell die Entwicklungsländer den Pro-Kopf-Verbrauch steigern. Fakt ist: Fossile Ressourcen sind begrenzt und nur der Umstieg auf unbegrenzte Ressourcen, und das ist der Umstieg auf Erneuerbare, kann die Menschheit aus der energiepolitischen Sackgasse führen, in der sie derzeit steckt.

 

Das ist keine Position, die nur Öko-Fundamentalisten einnehmen, sondern wie bei vielen existenziellen Fragen, eine Position, die quer über die Parteinlandschaft Unterstützung findet – aber auch von den unterschiedlichsten Gruppen bekämpft wird. So sieht Scheer im Versuch, die Bioenergie gegen das Hungerproblem auszuspielen, eine Kampagne der Mineralölwirtschaft, die um ihre Monopolstellung kämpft. Denn über Jahrzehnte konnte sich die Energiewirtschaft – sowohl Mineralölwirtschaft als auch Stromversorgung – Monopolstrukturen aufbauen, die auch durch EU-Maßnahmen zur Markt-Liberalisierung nicht beseitigt wurden. Erst das Regional-Prinzip der Erneuerbaren wird zu einer ernsthaften Bedrohung dieser über 100 Jahre gewachsenen Monopole.

 

Wenn es um die Förderung Erneuerbarer Energien geht, wird von den bisherigen Monopolanbietern gerne das Argument in die Schlacht geworfen, damit werde der freie Markt verzerrt. Ausgerechnet von jenen, die bisher den Energiemarkt uneingeschränkt beherrscht haben. Scheer bringt es auf den Punkt: „Der Großteil der konventionellen Energieexperten ist ein Teil des Problems, mit dem wir es zu tun haben. Sie denken, wir können so weiter machen wie bisher und es dem Markt überlassen, wie es weitergeht. Obwohl die Existenz der Menschheit davon abhängt. Tiefgehende internationale Konflikte werden dadurch heraufbeschworen. 40 Länder der Dritten Welt müssen für Erdölimport mehr zahlen als sie ingesamt Exporteinnahmen haben. Sie haben keine Chancen mehr, trotzdem lassen sie sich einreden, dass der Wechsel zu heimsichen Energien ein wirtschaftlicher Schaden sei. Künftige Generationen werden den Kopf schütteln, in welches Maß von Abhängigkeit sich ganze Volkswirtschaften gebracht haben. Aufgeteilt in Förderländer und transnationale Ressourcen. Das können wir hinter uns lassen durch Stoffwechsel: da passiert genau das Umgekehrte.“

 

Angesichts ihrer Kapital- und Werbemacht, die die Mineralölwirtschaft voll ausspielt, sieht Scheer keine Chance, den Klimawandel und die Energiewende „von unten“ durch Bewusstseinswandel der breiten Massen zu erzielen. Vielmehr müssen die Politiker Maßnahmen setzen um die Erneuerbaren Energien zu bevorzugen, fordert Scheer: „Die Ablöse herkömmlicher Energieträger kann nur gelingen, indem der Staat seine Rolle wahrnimmt, zur Gewährleistung des öffentlichen Interesses. Das ist möglich durch höhere Besteuerung herkömmlicher Energie und Steuerfreiheit für Erneuerbare – weil die Erneuerbaren einen höheren gesellschaftlcihen Wert haben. Dabei ist unsere wichtigste Forderung: alle Energiesteuern, die es heute gibt, müssen ersetzt werden durch eine Schadstoffsteuer. Nur noch Schadstoff wird besteuert, nicht Energie, so dass die schadstofffreie Erneuerbare Energie steuerfrei bleibt. Die Gesellschaft ist längst dazu bereit. Beim heutigen Tempo könnten wir in 25 Jahren eine Vollversorgung mit Erneuerbaren sicherstellen.“

 

Österreich hätte dank Wasserkraft sogar die Chance in drei Jahren komplett auf Erneuerbare umzustellen. Allerdings hat der Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein diese Chancen verbockt. Zwar hat er sich international mit Lippenbekenntnissen hervorgetan und Österreich als Vorreiter bei Biomassekraftwerken gelobt, allerdings hat er in Österrich selbst keine effizienten gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Im Gegensatz dazu hat Deutschland dank seines Erneuerbaren Energie Gesetzes, das auch die Handschrift des Alternativ-Nobelpreisträgers Hermann Scheer trägt, die meisten Windkraftwerke in Europa (20 mal mehr als Großbritannien, das bessere Windverhältnisse hätte) und in den vergangenen acht Jahren im Umfeld der Erneuerbaren eine völlig neue Industrie mit 100.000 Mitarbeitern geschaffen. „Alle Mengenbeschränkungen haben versagt“, kritisiert Scheer das österreichische Ökostromgesetz.

 

Ein Markt entwickelt sich nur, wenn die Unternehmen konkrete, langfristige Gestaltungsmöglichkeiten bekommen. Dafür ist die Politik zuständig, die sich die Entkoppelung der Räume des Ressourceneinsatzes zum Ziel setzen muss. Scheer: „ Mit Erneuerbaren haben wir die Chance, die Räume des Ressourceneinsatzes mit den Räumen der Ressourcengewinnung wieder enger zu koppeln.“ Den Einwand, die Technik sei noch nicht weit genug, entkräftet Scheer: „Das Potenzial der Erneuerbaren wird in 100 Jahren nicht größer sein als heute. Es ist durch die Sonne überirdisch und ist längst da, aber wir nutzen es nicht. Das aktuelle System, die Rahmenbedingungen sind ineffizient. Die Chancen werden nicht richtig genutzt, weil der politische Handlungsmut fehlt und nach wie vor die Interessen der OMV und der Verbund-Gesellschaft in der Politik so massiv niederschalgen, dass gegen deren Interesse nicht entschieden wird. Politiker sollten mehr Mut haben – abgesehen davon, dass Mut eine Erneuerbare Energie ist.“

 

Unterstützung findet Scheer in Österreich nicht nur bei eingefleischten Grünen, sondern auch bei üblicherweise konservativen Kreisen wie dem Ökosozialen Forum, der Landwirtschaftskammer und dem Biomasse-Verband, die gemeinsam auch die Broschüre „Brennstoff Biotreibstoffe“ herausgebracht haben. Die Hauptargumente der Interessensverteter: Österreich importiert 95 Prozent des Mineralöls, durch Biokraftstoffe (Biodiesel und Bioethanol) kann diese Abhängigkeit reduziert werden. Allein die Beimischung (aktuell 5,75 Prozent der fossilen Kraftstoffe) von Biotreibstoffen spart jährlich 1,4 Mio. Tonnen CO2 ein. Und nicht zuletzt gewährleistet die Bioraffinerie eine möglichst vollständige Nutzung der Biomasse. So werden die Abfallprodukte aus der Ölpresse als hochwertiges Eiweisfutter weiterverwertet. Derzeit werden lediglch 1,5 Prozent der Getreideernte der EU-27 für die Energieproduktion verwendet, zahlreiche brachliegende Flächen können künftig wieder genutzt werden.

 

Differenziert antwortet auch Hermann Scheer auf die Frage, wie unmoralisch ist Biodiesel? „Alles was man anbaut, kann man in höchst fahrlässiger Weise angebaut werden, vor allem in der industrialisierten Landwirtschaft. Siehe USA, aber auch die EU-Agrarpolitik hat das leider massiv gefördert. Unser Konzept wird die Ökologisierung der Landwirtschaft födern. Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat zur Erhöhung der Mengenerträge geführt, aber nicht zur Erhöhung der Einkommen der Landwirte. Das ist der falsche Weg. Biodiesel an sich ist nicht unmoralisch. Er wird unmoralisch, so wie landwirtschaftliche Produktion insgesamt, wenn man die Pflanzen in einer Weise anbaut, dass Bodenermüdung die Folge ist und die Grundwasserqualität beeinträchtigt wird. Wenn wir aber in nachhaltiger Anbauweise produzieren, die ganzen Nebenprodukte auch noch wirtschaftlichen nutzen, z.B Ölkuchen als Tierfutter, und gleichzeitig die Existenzsicherung der Bauern mit regionalwirtschaftlichen Möglichkeiten gewährleisten, dann ist Biotreibstoff nicht nur ethisch sondern auch notwendig.“

(Alle Zitate von Hermann Scheer stammen aus seinem Vortrag an der BOKU Wien am 11. Mai 2009)

SIEHE AUCH: www.ethos.at

 

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